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Das Problem namens Jesus

How do you solve a problem like Maria?“ (Wie löst man ein Problem namens Maria?) sang die Äbtin im Musicalfilm „Sound of Music“ über die aufmüpfige Nonne Maria, die sich einfach nicht an die klösterlichen Gegebenheiten anpassen wollte. 1600 Jahre vor der Sound-of-Music-Komposition muss die Kirche aber schon ein sehr ähnliches Lied gesungen haben: „Wie löst man ein Problem namens Jesus?!“ Jesus wollte sich nämlich auch nicht an die neuen, kirchlichen Gegebenheiten anpassen; sein irdisches Leben und seine herausfordernden Lehren machten es den damaligen Leitern extrem schwer, nachdem die Kirche aufgefordert wurde, offizielle Staatsreligion des römischen Reiches zu werden.

Ganze drei Jahrhunderte lang hatte Jesus und ihm nachzufolgen (und zwar auf Gedeih und Verderb) im absoluten Mittelpunkt des Christenlebens gestanden. Allein die Bergpredigt gab genug herausfordernde Hilfestellung für Jesusnachfolger in ihrer damals sehr ausgegrenzten Lage:

Wie verhält man sich nämlich, wenn man drangsaliert und schikaniert wird? Liebe deine Feinde!

Was tut man, wenn man nicht weiß, wie die Familie überleben soll, weil der Staat uns ausrotten will? Sorgt euch nicht! 

 Und wie soll man sich verhalten, wenn vielleicht der eigene Nachbar aus ähnlichen Gründen in Not gerät? Geht durch die enge Pforte und tut ihnen alles, was ihr euch an deren Stelle auch wünschen würdet!

Und so weiter und so fort. Jesus selbst hatte schließlich mit seinem eigenen Leben das perfekte Vorbild gegeben. Seine Lehren waren (und sind) bestens für ein Leben in Ausgrenzung und Diskriminierung geeignet.

Doch jetzt?! Die Sachlage hatte sich krass geändert: Eben noch verfolgt, jetzt hohe Staatsbeamte! Erst kürzlich Gejagte wurden nun mit Privilegien überschüttet. Ehemalige Verräter erhielten nun politische Ehren des Kaisers persönlich: Sorgt für das Wohl des Reiches und die Gunst eures Gottes über Rom!

Jesu „Sorgt euch nicht!“ wurde schnell nebensächlich, weil es plötzlich keine Nöte mehr gab.

Liebe deine Feinde!“ wurde ebenfalls schnell vergessen. Viel zu schnell. Und überhaupt, ja, also, wie soll man ausgerechnet den Römern Feindesliebe beibringen, wo deren ganze Existenz einzig und allein auf militärischer Stärke fußt?!

Und Jesu Aussage, „die Letzten werden die Ersten sein“ fühlte sich plötzlich stachelig und unbequem an, sogar sehr unbequem. Diese Worte des Meisters klangen nun gar nicht mehr so tröstlich und Mut machend wie zuvor. Eher schockierend: Wenn nun auch die Kirche zu den Ersten und oberen Zehntausend gehört, tja, was heißt dann „Die Ersten werden die Letzten sein„…?!

Plötzlich war man die „römisch-allgemeine Kirche“! Im Dienste seiner Majestät, des Kaisers. Das ging wie Honig runter. Man durfte sich sogar mit den neu zu entwerfenden Kirchenstrukturen am Römerreich orientieren und dessen Hierarchie 1:1 kopieren, vom Kaiser bis zum Fußvolk – wunderbar!

Nur Jesus, der Herr und Meister, dem man dreihundert Jahre bis in den Tod nachgefolgt ist, dessen Leben man nach bestem Wissen und Gewissen nachlebte, schien plötzlich ein Spielverderber zu werden. Diese wunderbare Wendung des Schicksals und das verlockende weltliche Machtspiel wollte er nicht so recht mitspielen. Der neue und ehrenvolle kirchliche Status Quo im Römerreich schien ganz und gar nicht mit Jesu Leben als „Underdog“ zusammenzupassen. Doch wieder hergeben wollte die Kirche all die neugewonnen irdischen Ehren, Mächte und Freuden natürlich auf keinen Fall.

Wie löst man also ein Problem namens Jesus?!

Es blieb nur ein Ausweg: Jesus musste angepasst werden! Und seine radikalen Lehren aus der Kirche ausgegrenzt. Die ausführliche, jesuszentrierte Unterweisung in Jüngerschaft und Nachfolge, einst obligatorisch für jeden neuen Gläubigen, wurde radikal gekürzt – allein schon aus Zeitmangel: Es wurde unmöglich, all die Massen zu unterweisen, die plötzlich in die Kirchen strömten, weil das ja nun gesellschaftliche Vorteile brachte. Irgendwann reichte es also, einfach nur noch „einzutreten“ – egal, ob man nun Jesus kannte oder nicht.

Aus dieser Zeit stammt übrigens auch das sogenannte „Apostolische Glaubensbekenntnis“ und was Jesus angeht, ist der Wortlaut gar nicht mehr verwunderlich:

[Ich glaube an Jesus, …]
geboren von der Jungfrau Maria, 
gelitten unter Pontius Pilatus

Von der Geburt direkt zum Tod. Das Leben Jesu, seine Nähe zum Fußvolk, sein offenes Ohr, Nächstenliebe, sein Mut den Korrupten gegenüber – kurz, Jesu eigenes, praktisches Vorbild wurden im offiziellen Glaubensbekenntnis vollständig ausgeblendet, ausgegrenzt, wegradiert. Wir beten dieses Glaubensbekenntnis übrigens heute noch.

Aus Nachfolge wurde seinerzeit Mitgliedschaft, aus Lebensstil ein Stück Papier. Aus Glaube wurde Zeremonie. Aus einer Bewegung in der Kraft des Heiligen Geistes eine Institution. Aus Jesus eine Randfigur. „Christianity“ war zu „Christendom“ geworden (siehe letzter Post). So löste man seinerzeit das Problem namens Jesus und schrieb damit Geschichte. Wie wir noch sehen werden, wurde durch diesen Schritt so mancher zentraler Bestandteil der Lehren und des Lebens Jesu auf schockierende Weise verdreht. Aus der „Guten Nachricht“ war eine gewöhnliche 08/15 Religion unter vielen anderen geworden. Im Römerreich hatte sich in Sachen Religion nicht viel geändert. Nur die Namen der Götter waren ausgestauscht worden.

Die Maria aus „Sound of Music“ ist übrigens im Laufe des Films aus dem Kloster ausgetreten. Man könnte sich fragen, ob Jesus im Laufe der Geschichte vielleicht das gleiche gemacht hat.

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