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Alltagstheologen

So sehr man die Kirche auch kritisieren kann, sie hat der westlichen Gesellschaft unbezahlbare Dienste erwiesen. Nehmen wir allein unser Ausbildungssystem. Heute als selbstverständlich hingenommen und als „mein Recht“ erwartet, so waren es einst vor allem Christen, die sich für die Einrichtung qualifizierter Ausbildungen eingesetzt haben. Oder nehmen wir den Dorfpfarrer. Er spielte auch deswegen eine besondere Rolle in der Dorfgemeinschaft, weil er als hochgebildeter und doch volksnaher Mitbürger den Menschen jeden Sonntag das Leben verständlich machte – jenen, denen Ausbildung versagt war.

Was einst ein Segen war, ist für heutige Gemeinden ein Problem. Heute, wo jeder mindestens mal einen Hauptschulaubschluss hat und allein dieser unendlich besser ist als gar keine Bildung; heute, wo unser Hirn Dinge bearbeitet, die selbst unsere gebildeten Vorväter noch für pure Zauberei gehalten hätten, heute also, im 21. Jahrhundert, überlassen Christen die Theologie nach wie vor dem Dorfpfarrer. Oder Gemeindepastor. Er ist dafür verantwortlich, uns am Sonntag eine Auslegung zu liefern, wie die alte Bibel und postmodernes Leben zusammenpassen. Und genau diese Haltung ist falsch.

Mit steigendem Bildungsniveau muss auch unsere Gemeindekompetenz steigen, den ganz normalen Alltag biblisch bewerten und gestalten zu können. Mit anderen Worten: Die Predigt als 20-30 minütiger Monolog, der von der Gemeinde widerspruchslos empfangen und abgenickt wird, ist rein didaktisch gesehen heutzutage mittelalterlich. Außerhalb religiöser Institutionen geht heutzutage niemand, absolut niemand freiwillig und regelmäßig in seiner Freizeit, um widerspruchslos lange Vorträge über richtig und falsch zu hören. Wer heute wissen will, was man noch nicht weiß, der googelt oder schaut Tutorials.

Moderne Schulung schlägt einen ähnlichen Weg ein: Interaktives Lernen, Anleitungen zum Selbststudium, wie unterscheidet man wichtige Infos von unwichtigen, wie filtert man Relevantes heraus. Meiner Meinung nach sollten Christen hier Vorbild der Gesellschaft sein, ganz wie unsere alten, innovativen Geschwister, die einst die Universität erfanden. Wir sollten nicht in Amishmanier guten alten Zeiten hinterhertrauern, sondern kommende Zeiten mit Gottes Geist und biblischen Werten prägen. Und weil es in Europa immer weniger Christen geben wird, dürfen wir das Wenige nicht auch noch auf ein paar Pastoren begrenzen. Jeder Mensch muss ein biblischer Gestalter seiner Umwelt werden. Und der Gottesdienst ist einer der Plätze, an denen das geübt gehört. Wie ich mir denke, dass das vor sich gehen könnte, schreibe ich das nächste Mal.

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