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Der geschändete Gott

Viel ist über den Sündenfall als theologisch größtes Problem der Menschheit gesagt und geschrieben worden. Doch wenig habe ich darüber gehört und gelesen, dass es vielleicht ein noch viel größeres Problem für Gott war.

Etappe 6

(Wer mit der ersten Etappe beginnen will, klickt hier.)

Vor der Lektüre dieses Artikels empfehle ich zumindest Etappe 5 zu wandern, sonst wird Etappe 6 wenig Sinn ergeben.

Die Vertreibung aus dem Garten Eden sehen wir üblicherweise als das erste Gericht, Vorgeschmack des letzten Gerichts, als erste Strafe für unseren Ungehorsam. Gott steht dabei immer ganz souverän über den Dingen, schließlich ist er Gott, Richter, allmächtig, kann machen was er will.

Doch was, wenn Gott in diesem Fall vielleicht gar nicht so cool und erhaben war? Kann das überhaupt sein?

Er hatte gerade erst ein brillantes Meisterwerk geschaffen, ein majestätisches Ehrenmal: Sein eigenes Ebenbild, aber kein starres Denkmal, sondern lebendig, selbstständig, fähig, wie er selbst zu lieben, zu schaffen, zu regieren, Weisheit zu leben, Güte, Glanz und Glück auf allerhöchstem und göttlichem Niveau zu verkörpern. Gott hatte auch zuvor schon viel geschaffen, den Himmel zum Beispiel, Engel aller Klassen und in unzähligen Mengen, doch diese Schöpfung sollte alle Rekorde brechen und ein wunderbares Ebenbild des Himmels werden mit dem Menschen als souveränem Regent, Baukünstler und Bewahrer. Das Universum sollte die Unendlichkeit des Himmels widerspiegeln, die Erde seine Pracht und der Mensch den Schöpfer von allem.

Doch so kam es nicht. Denn der Mensch entdeckte seine Selbstständigkeit recht bald und kritisierte Gottes Wesen. Wir alle wissen, dass Personen, die uns am nächsten stehen, uns am tiefsten verletzen können. Als Ebenbild seines Prototyps wollte der Mensch durch sein Verhalten offenbar unmissverständlich machen, dass Gott eben nicht perfekt ist. Mit dieser Offensive brachte er enorme Schande über Gott. Der souveräne Schöpfer hatte sein Gesicht verloren – ein qualvoller Schmerz. Für jeden, aber ganz besonders für einen mächtigen, und doch so gütigen Regenten.

Aus unserer Sicht wäre die sofortige Vollstreckung der Todesstrafe für den peinlichen Untergebenen vielleicht sogar verständlich gewesen. Eine Art Ehrenmord also. Doch das wäre es dann gewesen. Gott hätte eine Ewigkeit damit leben müssen, dass die Erschaffung eines prächtigen Ebenbildes mit einem prekären Fiasko geendet hat. Wahrscheinlich wählte Gott deshalb schon damals den unteren Weg.

Vielleicht war es also gar nicht so sehr eine Vertreibung aus dem Paradies. Gewiss, das hebräische Wort garash heißt unter anderem vertreiben, aber es heißt auch „sich scheiden“ und „sich scheiden lassen“ oder „bekümmern“. 1Mose 3,24 ließe sich also auch mit „Gott trieb den Menschen in der Kummer der Scheidung von ihm“ übersetzen. Vielleicht war genau das der nötige Entschluss eines tief gedemütigten Gottes, sich in seiner Scham aus der Gemeinschaft zurückzuziehen, mitsamt seiner himmlischen Herrlichkeit. Der Himmel hob sich von der Erde und mit ihm der Lustgarten. Nur durch Gottes Abwesenheit würde ein Überleben und eine Rettung des nun in seiner Überheblichkeit gefangenen Menschen möglich werden. Gott wusste damals schon, dass zur Wiederherstellung seiner eigenen geschändeten Ehre nur der Selbstmord in Frage kommt. Dieser müsste allerdings gut vorbereitet und vor allem nicht heimlich, sondern für alle offen ersichtlich geschehen.


Solche Gedanken mögen uns zwar nicht fremd sein, aber in dieser Art über Gott zu sprechen kommt uns merkwürdig vor. Es will nicht richtig in unsere Theologie passen und es passt nicht, weil Theologie immer kontextuell ist, d.h. Theologie und die umgebende Kultur beeinflussen sich gegenseitig. Im Vergleich zu unserer westlich systematischen Theologie ist eine Theologie der Ehre so gut wie nichtexistent, obwohl sie einen unschätzbaren Wert hätte. Denn wer z.B. in schamorientierten Gruppen sein Prestige verloren hat, kann es wiedererlangen, indem man sich aus der Gemeinschaft herausnimmt und physisch auslöscht. So beschreibt es u.a. der christliche Anthropologe Lothar Käser in seinem Buch „Fremde Kulturen“. Ein „Evangelium der Ehre“ wäre auch im multikulturellen Europa wertvoll. Außerdem korrespondiert es besser mit der steigenden Selbstmordrate in der heranwachsenden Show- und Social-Media-Kultur, die ebenfalls stark auf Ehre und Prestige aufbaut und damit schnell zu Minderwertigkeit und Scham führen kann. Nicht zuletzt verhilft es uns zu neuer Hoffnung in der herannahenden Klimakatastrophe. Damit geht’s nach diesem Exkurs zurück zum „Rückzug Gottes aus der Schöpfung“.


Nachdem Gott verschwunden war, hatte der Mensch außer seiner nun glanzlosen und beschämenden Nacktheit nichts mehr zum Abbilden und Widerspiegeln. Damit hat er seine Reverenz und Ehre verloren – kein Wunder, dass Adam und Eva sich schämten. Da sie als spirituelle Wesen aber zum Zweck des Abbildens und Widerspiegelns geschaffen waren, wird jeder Mensch mit seiner von Adam und Eva geererbten Scham immer reflektieren, wohin er sich wendet und wem oder was er sich zukehren mag. Nicht verwunderlich also, dass er über kurz oder lang eine listige Schlange würde, die im Kampf gegen Dornen und Disteln nicht nur dem Wort kabash eine völlig andere Bedeutung geben, sondern auch alles andere zum eigenen Vorteil verdrehen wird. Ohne Rücksicht auf Verluste.

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