Zum Inhalt springen

„Der Herr hat gesagt…“

Gedanken über den Sinn von Prophezeiungen in Krisenzeiten.


Da fliegen sie also wieder. Geschosse, Bomben und Raketen. Nach über 22 Jahren auf dem höchsten, russischen Thron wirkt Putin zerfressen und besessen von Lüge, Macht und Seelenversteinerung. Wie Frodo, der am Ende ebenso eingelullt versagte, den Ring einfach ins Feuer zu werfen. Irgendwie scheint das ein Muster zu sein, dass sich seit Iwan dem Schrecklichen fortsetzt: Der russische Thron muss wie Frodos Ring extrem betörend sein.

In unserer westlichen Naivität und Leichtsinnigkeit sieht hier aber keiner mehr die Krisen kommen. Zu abgelenkt waren wir mit Coronarestriktionen und endlich wieder Urlaub buchen. Wen kümmert da ein Putin? Oder eine herannahende Klimakatastrophe?

Iwan scheint Wladimirs Vorbild zu sein.

Wenn die Krise aber zuschlägt, sucht man plötzlich und unerwartet nach Halt, und das tut jeder auf seine eigene Weise. Viele fangen an, zu beten, was ja nie ein Fehler ist, auch, wenn es mindestens genauso gut gewesen wäre, schon vor der Krise die Hände zu falten und auf die Knie zu gehen. In der schwedischen, allgemein eher charismatisch geprägten Christenheit legt man gerne Wert auf Prophezeiungen.

In jener Prophetie…

Der Tag der russischen Invasion fiel auf einen Donnerstag, und da bin ich halt immer bei ALT, Skandinaviens größter und landesweiter Pastorenausbildung. Eine Kollegin schlug in einer internen Personalbesprechung vor, in Anbetracht der Weltlage mit allen Studenten vor Ort über die Prophezeiung aus den 1960-er Jahren zu reden. Ein anderer Kollege drückte sofort mit den Worten „Das ist vielleicht doch etwas zu düster…“ seine unmittelbaren Bedenken aus. Ich war überrascht, denn offenbar handelte es sich hier um etwas allgemein Bekanntes, wovon ich als Einwanderer noch nie gehört hatte.

Ich fragte nach und bekam zu hören, dass Mitte der 1960-Jahre eine Person angeblich die schwedische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts detailgenau vorausgesagt habe, inklusive Flüchtlingskrise und eben auch dieses just ausgebrochenen Krieges. Wieder war ich überrascht und fragte, was jener Prophet mit seiner Botschaft denn bezwecken wollte. Darauf gab mir die Kollegin die mystische Antwort: „Der Herr hat es gesagt.

So, so.

Es ist durchaus so, Gott gibt manchen Menschen bestimmte Gaben, Einsichten und sogar Visionen. Mit denen sollen wir uns gegenseitig helfen und aufbauen. Dazu gehören auch prophetische Erkenntnisse. Leider wird „Prophezeiung“ fast nur als Voraussagen der Zukunft, also eine Art fromme Wahrsagerei verstanden. Das gehört zwar auch dazu, doch meistens handelt es sich bei Prophetie um seelsorgerliche Aufmunterungen, die einem Menschen oder einer Gemeinde helfen, z.B. einen mutigen Schritt oder eine Kurskorrektur zu wagen. Prophetien geschehen oft im Kleinen und Einfachen.

Sehr viel komplizierter und merkwürdiger sind die richtig großen, weltumfassenden Prophezeiungen in Form von nationalen oder globalen Voraussagen. Ich persönlich halte es schon für schwer genug, derartige Prophezeiungen in der Bibel richtig zu deuten, obwohl einem hier zumindest die Werkzeuge der biblischen Hermeneutik zur Verfügung stehen. Entsprechend erschien es mir am Donnerstag als schiere Unmöglichkeit, eine für mich völlig neue und ganz und gar zusammenhangslose Prophetie, die obendrein auch noch düster und niederdrückend zu sein scheint, mit 35 ohnehin schon verunsicherten Studenten zu diskutieren. Ich stimmte also gegen den Vorschlag, und zum Glück haben wir die Idee dann auch nicht weiter verfolgt.


Rembrandts Apostel Paulus

An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass ich nach wie vor an die sogenannten „Geistesgaben“ glaube, zu denen auch die der Prophetie gehört. Paulus fordert offen dazu auf, die Gabe der Prophetie anzustreben. Leider haben wir oft ein viel zu einseitiges Bild davon, was Prophetie eigentlich ist und sein kann. Die Rolle von prophetisch begabten Menschen kann sehr unterschiedlich aussehen, und manche werden nie als „typische Propheten“ wahrgenommen.

Durch die vielen Reflektionen während meines Sabbatsjahres musste ich mir Ende 2019 selbst eingestehen, mit der Gabe der Prophetie gesegnet worden zu sein – eigentlich schon immer, doch lange wollte ich es nicht wahrhaben.


Bitte hinsetzen…

Noch am selben Abend ging auf meinem Mobiltelefon eine Bildserie mit Fotos von Texten aus einem Buch ein, das von der erwähnten Prophetie handeln soll. Für mich wäre der Fall eigentlich abgeschlossen gewesen, und ich hatte nie um mehr Infos gebeten, doch als ein Mensch, der sich auch mal gerne mit kontroversen Ansichten beschäftigt, habe ich mir alles durchgelesen. Und muss zugeben, es hat mich nicht kalt gelassen. Nun werde ich wohl in irgendeiner Form reagieren müssen, und ich fürchte, dieser Blogpost dient vor allem dem Zweck, meine Gedanken zu sortieren. In der Zwischenzeit habe ich sogar ein wenig journalistisch recherchiert. (Das Buch selber habe ich mir aber nicht besorgt, so wichtig ist es mir dann doch nicht.)

Zunächst einmal stellt sich heraus, dass es offenbar eine Prophetin war, eine scheinbar sehr alte Norwegerin, die 1964 behauptete, „mit ihren eigenen Augen“ Visionen über die Zukunft gesehen zu haben. Das Buch „Tag plats! Dörrarna stängs“ („Bitte hinsetzen, die Türen schließen!“) hat sie aber nicht selbst geschrieben. Der Verfasser war Emanuel Minos, ein ehemaliger Pfingstprediger und Adoptivnorweger mit griechisch-ägyptischen Wurzeln. Er beschreibt in seinen Texten ein Gespräch, das er, seine Frau und ein weiteres Gemeindemitglied im selben Jahr mit der Norwegerin geführt haben. Das Buch ist aber erst 2011 erschienen, also 47 Jahre nach dem Gespräch und drei Jahre vor dem Tod des Verfassers. 1964 muss Minos 39 Jahre alt gewesen sein. In den mir vorliegenden Texten beschreibt er in eigenen Worten, wie er sich an das Gespräch erinnert, und erwähnt mehrmals, dass die Prophetin selbst sehr unter dem Gesehenen litt und immer wieder weinte. Oft zitiert er seine eigenen, zweifelnden Reaktionen auf das Gehörte, um dann zum wiederholten Male zu betonen, das vieles ja ganz genau so gekommen sei.

Die namentlich ungenannte, alte Norwegerin gibt also eine relativ präzise Beschreibung unserer heutigen, globalen Welt. Sie geht auf Details ein wie die Rolle der Medien, leicht zugängliche pornografische Inhalte, leere Kirchen, sexuelle Freizügigkeit auch in Gemeinden oder das Verlangen nach Unterhaltung. Sie beschreibt eine Flüchtlingskrise wie die 2015, den Unwillen Europas, die Flüchtlinge aufzunehmen, ferner die Entstehung und Entwicklung eines dritten Weltkrieges, welche Waffen zur Anwendung kommen und wie Europa sich daraufhin weiterentwickeln werde. Ich kann verstehen, warum mein Kollege sofort meinte, diese Prophetie sei vielleicht „etwas düster“.

Warum Prophetien?

Was die Frage über Sinn uns Zweck von Prophetien aufwirft. Die Bibel fordert uns regelmäßig zur gegenseitigen „Erbauung“ und Aufmunterung auf. Selbst Ermahnungen und Zurechtweisungen sollen in Liebe und Nachsicht geschehen. Außerdem fordert uns die Bibel wiederholt zur Freude, Hoffnung und Zuversicht auf. Fast alle biblischen Prophetien erhalten einen roten Faden, sie sind mit der Geschichte des Messias verknüpft, und somit mit der vollständigen Erneuerung der gefallenen Schöpfung, innerlich wie äußerlich sowie der Ausmerzung des Bösen. Sie sollen entweder tröstlich sein und uns versichern, dass Gott immer und unter allen Umständen die Kontrolle behält, oder sie fordern uns konkret zum Handeln auf, dieses oder jenes zu tun oder zu lassen um gewisse Resultate oder Konsequenzen herbeizuführen bzw. zu vermeiden.

Der Sinn dieser Prophetie bleibt verborgen

Nichts von dem kann ich in den mir vorliegenden Texten erkennen. Sie kommen mir eher wie der betörte Blick in eine Kristallkugel vor, und was man dort sieht, ist weder aufbauend noch ermahnt es zur Umkehr, einem besseren Lebenswandel oder irgendeinem konkreten Verhalten. Es legt sich nur wie ein schweres und dunkles Trauertuch auf die Seele und kann zu lähmender Resignation führen. Die Prophetin schien selbst am meisten darunter gelitten zu haben. Derartige Kristallkugeloffenbarungen predigen immer Schicksalsglauben: So und nicht anders wird die Zukunft sein, dazu bist du verdammt, die Vorsehung hat es so gewollt. Damit unterscheiden sie sich von den allermeisten biblischen Prophezeiungen: Gott stellt den Menschen meistens vor die Wahl. Segen oder Fluch. Wir haben es in der Hand, ob wir Schaf oder Ziege sein wollen, ob wir die Nackten kleiden und die Hungrigen speisen wollen oder nicht. Biblische Prophetie informiert uns über die jeweiligen Konsequenzen.

Der Nutzen von Emanuels Minos Buch ist mir hingegen verborgen, es sei denn, er wollte Menschen damit deprimieren, dass es keinen Ausweg mehr gäbe. Doch dieser Fatalismus entspricht überhaupt nicht der Guten Nachricht der Bibel, die immer nach Liebe und Verbesserung strebt.

Weitere Gründe für meine Zweifel

Es mag sein, dass die Norwegerin eine Vision hatte. Doch erstens kann ich noch nicht mal überprüfen, ob die Frau überhaupt existiert hat – jedenfalls existiert kein Name. Vielleicht ist ja alles nur erfunden! Ich halte es für nicht wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen.

Zweitens bin ich nicht sicher, ob jene Botschaft überhaupt von Gott kam. George Friedman hat zum Beispiel das Buch „The Next 100 Years“ geschrieben, in dem er auf erstaunliche Weise über die geopolitischen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts spekuliert. Friedman ist gewiss kein Prophet im christlichen Sinne, aber er hat eine außergewöhnliche Fähigkeit, die der Norwegerin vielleicht auch gegeben war. Über andere mögliche Quellen oder Ursachen ihrer Vision möchte ich nicht weiter spekulieren – doch ausgeschlossen ist gar nichts.

Natürlich ist ein göttlicher Ursprung nicht auszuschließen, doch ebensowenig kann drittens ausgeschlossen werden, das im Nachhinein menschlich manipuliert wurde. Es wäre nicht das erste Mal, dass Menschen Gott spielen. Noch einmal: Sollte es tatsächlich von Gott gewesen sein, erschließen sich in der veröffentlichten und möglicherweise manipulierten Version weder Sinn noch Zweck. Damit verliert sie den typischen Charakter göttlicher Botschaften und bleibt wertlos. Unveröffentlicht hätte sie weniger Schaden angerichtet.

Vielleicht war es viertens aber auch nur eine Botschaft an sie persönlich oder ihre Gemeinde. Dann wäre sie nie für den Rest der Welt bestimmt gewesen. Das hätten die Betroffenen selbst am besten gewusst. In jedem Fall wäre es dann nicht für unsere Ohren bestimmt.

Natürlich muss es der alten Dame damals ein großes Anliegen gewesen sein, das Gesehene zu bearbeiten und darüber mit anderen zu reden. Es aber erst ein halbes Jahrhundert später zu veröffentlichen, hinterlässt fünftens bei mir einen Nachgeschmack von frommer Sensationslust.

Sechstens ist der Grundton der Botschaft, dass mit erhobenen Zeigefinger alles immer schlimmer und schlechter werden wird (abgesehen von ein paar Phasen des Friedens und Wohlstands, die aber auch nicht wirklich als Segen gesehen werden), nicht sonderlich erbaulich. Gewiss, sehr viel von dem, was heute in der Welt so abgeht, muss wirklich vehement in Frage gestellt werden. Mein Gefühl ist aber, dass hier eine alte Frau, die unter sehr einfachen Verhältnissen in Norwegen aufgewachsen sein muss und gelebt hat (dazu gehören so ziemlich alle, die im Norwegen des 19. Jahrhunderts geboren worden sind), einen völlig verstörenden Blick ins 21. Jahrhundert bekommen hat, der sie natürlich total überforderte. Diese neue Welt mit ihrer extremen Andersartigkeit erschreckte sie im Innersten, sie erlebte es als etwas sehr, sehr Negatives und durch und durch Gottloses (was ja auch nicht völlig falsch ist). Als Beispiel sei erwähnt, dass sie die Rolle der Kunst und Kreativität in unserem Jahrhundert ebenfalls als etwas Gottloses deutet – vermutlich, weil sie die Bedeutung von Kunst und Kultur nie kennengelernt hat. Doch wenn alles mit Gottlosigkeit gleichgesetzt wird, nur, weil es anders oder unbekannt ist, dann wäre vermutlich nur die norwegische Kultur zum Ende des 19. Jahrhunderts als die einzig biblische anzusehen (minus die zwei Edvards natürlich: Grieg und Munch…).

Schlussfolgerung

Nehmt diese Feuer-und-Schwefel-Bücher bitte vom Markt und erspart der Welt solch zweifelhaft-fromme und sinnlose Schreckgespenster samt allen Teufeln an der Wand. Das Leben ist auch so schon hart genug. Nutzt die Kraft, die allein diese Botschaft den Leser kostet, besser dafür, um aus Geschossen, Bomben und Raketen Pflüge zu schmieden, Solarzellen oder Bohrer für den Bau von Brunnen. Setzt euch lieber dafür ein, das der Mensch sich wirklich bekehrt, und sich in opferbereiter Liebe für Gott und seinen Nächsten einsetzt. Sonst versteinern wir innerlich noch alle. Wie Putin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.