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„Deutsche!! Weniger! Loben! Gefälligst!!!“

Für den Teil meiner Arbeit, allgemeine Trends zu sehen und für die Gemeinde auszuwerten, sind Internet und besonders die sozialen Medien eine Goldgrube. Da kriegt man so manche globale und lokale Strömung mit. Und manchmal findet man echte Kuriositäten. Wie zum Beispiel jüngst in der Süddeutschen Zeitung. Da wird doch tatsächlich deutschen Eltern empfohlen, mit Lob nur äußerst sparsam, gemäßigt und sehr gewählt umzugehen.

Erst hatte ich Laut gelacht, weil ich das für eine orginelle Selbstverarschung der deutschen Kultur hielt. Doch dann musste ich mit hängendem Kiefer einsehen, dass das hier kein Witz sondern wissenschaftlicher Ernst war. Die Kommentare deutscher Leser bestätigen sogar kräftig die Wichtigkeit dieser Einsicht: Deutsche, um alles in der Welt, lobt noch weniger und auf gar keinen Fall zu viel!!

Stirnrunzelnd fragte ich mich, ob es in deutschen Zeitungen auch Artikel gibt wie: „Franzosen, trinkt doch mal guten Wein!“ oder „Afrikaner! Warum bewegt ihr euch eigentlich immer so steif und gestelzt zur Musik?“ oder „US-Amerikaner! Es wird Zeit, dass ihr euch mal ein richtiges Militär mit Schlagkraft anschafft!“ Schließlich weiß doch jeder, der etwas mehr Auslandserfahrung hat als Neckermann & Co. es bieten kann, dass die Deutschen im internationalen Vergleich beim Loben als absolute Analphabeten abschneiden. Dass das Wenige jetzt noch mehr gedämpft werden muss, ist gelinde gesagt beängstigend.

Schon Dietrich Schwanitz, möge er in Frieden ruhen, forderte die Deutschen in seinem Buch „Bildung – alles, was man wissen muss“ im internationalen Verkehr zur Regel Nummer eins auf:

„Erhöhe im Umgang mit Ausländern die Dosierung von Liebenswürdigkeiten in Deinem Verhalten um das Vielfache bis zu dem Punkt, an dem du es für wahnsinnig übertrieben hältst. Erst dann findet dein Gesprächspartner es normal.“

Schwanitz meint, es falle Deutschen nicht schwer, auf internationalem Parkett einen furchtbaren Eindruck zu hinterlassen. „Wer das will, braucht nur das, was in Wanne-Eickel-Süd gilt, für die internationale Etikette zu halten, und es wird ihm gelingen.“ Ich ergänze: Nicht nur Wanne-Eickel-Süd.

Wer ein schwedisches Wörterbuch unter BES aufschlägt, wird dort ein unerwartetes, „schwedisches“ Wort vorfinden: Besserwisser. Es bedeutet in Schweden genau das, wie wir Deutsche es verstehen. Schlimm, dass die Germanen ausgerechnet dieses Wort nach Schweden exportiert haben; doch es ist ein urdeutsches Wort, welches meines Wissens in keiner anderen Sprache vorkommt. Warum? Weil die Deutschen exzellente Besserwisser sind.

Dietrich Schindler erklärte auf der Gemeidegründerkonferenz „Pionjär“ 2011 in Göteborg, dass in jedem Deutschen ein kleiner Professor sitze. „Stelle eine Frage und du bekommst keine Antwort, sondern eine Vorlesung“, so Schindler. Warum? Weil Lobmangel der Brutkasten der Besserwisserei ist. Wer als Kind nie zu hören bekam, wie wertvoll, geschätzt, lobenwert gewisse Eigenschaften oder Handlungen waren, wer immer nur knapp die Mindestanforderungen erfüllte und oft noch nicht einmal das, der muss eben später sein Wissen und Können umso mehr zur Schau stellen und sich hervortun. Kompensation für eine lobeshungrige Seele.

Wir Deutschen sind leider bekannt dafür. Nicht getadelt ist genug gelobt – dieses Sprichwort ist ebenfalls made in Germany. Unsere Kinder, die aufgrund der Göteborger internationalen Schule in vielen verschiedenen Familien ein- und ausgehen, amüsieren sich immer darüber, dass in den deutschen Familien eine auffallende „sitz-gerade-und-Hände-auf-den-Tisch-Kultur“ herrsche. Ständige Belehrungen und Korrektur des Falschen statt ständige Bestärkung des Richtigen. Das zeigt, worauf deutsche Augen lieber sehen.

Wie wohltuend war es dagegen für mich, 1994 in der FeG Garmisch-Partenkirchen in den Dienst der Gottesdienstleiter „hineingelobt“ zu werden! Hier waren Menschen, die an mich glaubten, die Potential sahen, welches mir selbst verborgen war. Danke! Wie heilsam waren die Bestätigungen später in der FeG Ingolstadt für meine immer noch lobvertrocknete Seele! Wenn in Deutschland jemand loben kann, dann die Christen! DANKE! Und wenn jemand noch mehr loben kann, dann nichtdeutsche Christen. Wie hat die Mosaikgemeinde in Glasgow 2005 unsere ganze Familie mit Lob und Liebe überschüttet! Wer einmal in diesem Balsam gebadet hat, hat ein Stück Himmel geschmeckt weiß genau, dass es davon keine Überdosis gibt – nur Unterdosen. Und wie hat erst das viele Lob, all die Bestätigung, der Anklang und die positiven, ermutigenden Worte bei Christian Associates uns wachsen und reifen lassen! Wie hat uns das gefestigt! Ohne diese Nachbrenner wären wir nicht mehr hier.

Wirklich schmerzhaft ist nach all diesen Gedanken aber die Einsicht, dass ich selber auch Deutscher bin. Schaue ich in den Spiegel muss ich mich fragen, wieviel Lob eigentlich über meine eigenen Lippen geht. Wieviel leichter fällt es mir, zu kritisieren! Ist nicht schließlich dieser ganze Blogpost eine einzige, negative Kritik an einem einzigen Artikel in der SZ?! Ich hoffe dennoch, in den letzten Jahren viel von meinen erwähnten Vorbildern gelernt zu haben. Doch das Urteil darüber steht meiner Familie und anderen zu, nicht mir selbst. Bis auf weiteres orientiere ich mich an Dietrich Schwanitz und suche förmlich all das Gute in den Menschen um mich herum um es lobend zu erwähnen. So oft, bis ich mir selbst wahnsinnig übertrieben vorkomme. Nur dann werden meine nichtdeutschen Freunde es als normal empfinden. Und meine deutschen als wohltuende Ausnahme.

Und an Dich, der Du gerade diese Zeilen liest: Gut gemacht. Du hast Interesse gezeigt und den Post bis zu Ende gelesen. Das freut mich und ich danke Dir.

PS: Wer sich den Artikel in der SZ selbst lesen möchte, kann ihn hier finden.

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