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Ruhe! RU-HE!

Warum fahre ich jährlich zum Schweigen ins Kloster? Wo ich absolut kein Klostermensch bin, der auf Routinen und Liturgien steht? Aus sehr vielen Gründen. Hier ist einer davon.

Das 21. Jahrhundert ist extrem hektisch. Haben unsere Vorfahren an schlechter medizinischer Versorgung, an Armut oder an Krieg gelitten, so leiden wir am ewigen Bombardement der Werbung, am permanenten Erreichbarsein, Leistungsdruck und Stress des ständigen Vergleichens und Verglichenwerdens und daran, das eigentliche Leben zu verpassen. Als Nachfolger des Mannes, der sich als „das Leben“ bezeichnete, sollten wir – wie eigentlich immer – ein gesundes Gegengewicht in der Gesellschaft bilden und inspirierende Vorbilder sein. Leider schlagen wir aber allzu oft in die gleiche Kerbe wie die Welt und rödeln, schaffen und routieren wie die Weltmeister. Fromme Workaholics ohne Luft zum Atmen. Allen voran viele Pastoren und leitende Mitarbeiter.

Was uns fehlt, ist eine angewandte Theologie der Ruhe. Obwohl die Bibel sooo viel zum Thema Ruhe zu sagen hätte.

Gehen wir mal ganz an den Anfang der Bibel, zum Schöpfungsbericht. (Ich halte übrigens den Sieben-Tage-Bericht für die einzig logische und wissenschaftlich am besten erklärbare Alternative aller Herkunftstheorien, aber ich habe große Toleranz mit allen, die das anders sehen. Ich muss das kurz erwähnen, bevor ich mein Argument entwickele.) An welchem Tag wurde der Mensch erschaffen? Am sechsten. Was macht Gott am siebten Tag? Er ruht sich aus. Was macht der Mensch am ersten Tag seiner Existenz? Ausruhen. Rast, obwohl noch nix geleistet wurde. Kein Chef würde das je mitmachen.

Was nicht heißt, das der Mensch nichts tun soll. Ab Montag hieß es für Adam und Eva durchaus, im Garten Eden produktiv zu werden. Anbauen, verwalten, verschönern, verändern. Erforschen benennen und viel, viel mehr. Und doch ganz anders, als wir es kennen. Das biblische Arbeitsprinzip lautet für uns Menschen: Wir arbeiten von der Ruhe aus. Nicht: Wir ruhen uns von der Arbeit aus. (Das ist ein görrliches Arbeitsprinzip und damit ganz bestimmt auch nicht falsch!)

Ist dir schon mal aufgefallen, wie viel Spaß Arbeitsaufgaben machen können, wenn man ausgeruht ist und „Lust hat“? Schon mal gemerkt, wie viel weniger nervig die Umwelt ist, wenn man selbst nicht genervt ist? Menschen mit Lust auf Arbeit sind immer Menschen mit großer innerer Kraftreserve, mit voll geladenen Batterien. Leute mit Lust sind lustvoll und lustig.

Wie wohltuend ist jemand, der eine innere Balance austrahlt, weil er oder sie „die Ruhe selbst“ ist, buchstäblich in sich ruhen kann; wie erfrischend Menschen, die fünfe gerade sein lassen können und bei denen man sich manchmal fragt, wie sie trotz Gelassenheit all das geschafft kriegen. Es müssen Leute wie diese gewesen sein, die Heinrich Böll zu seiner „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ inspiriert haben müssen.

Wie nervig ist im Vergleich all das prahlende Gerede von vollen Terminkalendern, von „ach-ich-schaff-nicht-alles“ und „merkt-ihr-nicht-wie-wichtig-und-gefragt-ich-bin“. Schon mal gefragt, warum es heute so viele „Burn-Outs“ gibt? Weil wir unsere Identität im Tun und nicht im Sein suchen. Wir lassen zu viele Aufgaben zu, mit denen wir uns beweisen wollen. „That sucks“, wie man auf Englisch sagt. Buchstäblich, es saugt uns aus. Es zieht unsere Tanks in die Reserve. Sonntage und Urlaube reichen bestenfalls, uns aus der Reserve rauszubringen. Stattdessen wäre aber volltanken angesagt. Bloß wie?

Nun, des Rätsels Lösung liegt darin, dass man nicht von heute auf morgen ein ausgeglichener Mensch wird. Kein Spargeltarzan mutiert von heute auf morgen Muskeln. Es erfordert Zeit, Training, Disziplin, Geduld, Willen, Widerstandskraft, Vorbilder, Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und vor allem festen Halt an etwas externem. Hat man das nicht, werden die Hektik des 21. Jahrhundert, der allgemeine Leistungsdruck und die Kultur um uns herum alle guten Vorsätze einfach wegspülen.

Wir brauchen tägliche, wöchentliche, monatliche und jährliche Ruhezeiten, heute mehr denn je. Keine dieser Auszeiten darf sich selbst überlassen werden, sonst bestimmen die alten TV- oder Computer- oder andere Gewohnheiten über das, was eigentlich Ruhe werden soll. Man muss Ruhe planen und dann auch einhalten. Jeder Mensch hat seine individuelle Art des Ruhens und der Erholung. Introvertierte Menschen erholen sich ganz anders als extrovertierte, Junge anders als Alte, Eltern anders als Singles.

Meine jährliche Kalibrierung ist das Kloster. Früh morgens aufstehen. Stundengebet. Schweigen. Geistliche Wegweisung erhalten. Kein Internet, Handy, nichts. Kein Small-Talk. Lesen. Spazieren. Beten. Den Gedanken freien Lauf lassen. Bebachten, was hochkommt. Tägliche Beichte. Tägliches Abendmahl. Tagebuch führen. Den Kontrast zum normalen Alltag hinnehmen.

Diese Freizeit mache ich nicht, um mich von der Arbeit auszuruhen. Sondern um von der Ruhe aus zu arbeiten.

Und du? (Wie) wirst du heute noch zur Ruhe kommen???

Wüstenvater der Moderne: Peter Halldorf
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