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Das Making of the neueste Gebetsclip

Tag 1

Der Sommer war schön. Doch jetzt kommt mir eine Idee: Es wird Zeit für einen Gebetsclip. Der letzte war schließlich vor drei Monaten.

Tag 2

Gebet ist wichtig. Ich bete für unsere Unterstützer und überlege später, welches Gebetsanliegen für den aktuellen Clip angebracht ist.

Tag 3

Klar ist: Das wird kein normaler Clip. Das Anliegen ist wichtig und komplex. Also setze ich mich hin, um den Text schriftlich zu formulieren. Sonst wird’s nur Kauderwelsch. Oder zu lang. Wahrscheinlich beides.

Tag 4

Wir haben keinen Hund mehr. Ich tu so, als wär er noch da und mach früh morgens eine lange Hunderunde ohne Hund. Eine ganze Stunde übe ich den Text. Ich mache sogar Probeaufnahmen mit dem Handy. Klappt wunderbar. Allein, meine alte Hunderunde ist mit Bäumen und Wiesen im Hintergrund. Das Anliegen aber fordert ein urbanes Setting.

Tag 5

Cool! Hab heut eh‘ einen Termin in der Stadt. Beim Optiker. Trifft sich gut, ich plane 30 Minuten vor’m Sehtest für die Aufnahme ein. Leider verhaspel ich mich. Immer wieder. Mist! Jedes Mal an derselben Stelle. Käse. Ich muss den Text ändern. Frustriert fahre ich vom Optiker heim. Ob wegen des missglückten Clips oder der exorbitanten Rechnung für eine neue Brille weiß ich nicht. Ist mir auch egal.

Tag 6

Beim Umschreiben der Haspelstelle fällt mir auf, das eine Überarbeitung des ganzen Text auch kein Fehler wäre.

Tag 7

Neuer Morgen, neuer Tag. Neuer Text. Neue Hunderunde ohne Hund. Neue Generalprobe. Alles prima. Leider wieder nur im Grünen. Sonst alles super.

Tag 8

Ich plane ganze drei Stunden ein, um den neuen Gebetsclip im Zentrum der Stadt aufzunehmen. Komisch, ist gar nicht so einfach heute. Voll windig heute. Und heiter. Bis wolkig. Also! Das Licht ändert sich ja ständig. Mein Handy kann nicht so gut mit viel Licht und viel Schatten gleichzeitig umgehen, entweder strahlt meine Visage wie Mose auf dem Berg oder sie versumpft eine Sekunde später in dämonischer Finsternis. Macht sich beides nicht so gut. Ich muss auf gleichmäßige Beleuchtung achten und suche einen Gehsteig im Schatten mit vielen Menschen und reflektiertem Licht.

Drei Versuche später
Nachdem ich einmal fast vor einen Lieferwagen gesegelt wäre, sehe ich ein, dass es auf mehr zu achten gäbe als das Licht. Bordsteinkanten zum Beispiel. Oder andere Fußgänger.

Und auf Straßenbahnen und Verkehr, nicht alle Autofahrer sind so freundlich hier wie die Deutschen immer meinen.

Und dass meine Augen trotzdem immer in die Kamera schauen. Und mein Kopf im Bild bleibt, nicht immer nur das Kinn. Auch wenn mein Bart extrem ästhetisch ist.

Ach ja, und auf den Text natürlich, den sollte ich vielleicht auch noch richtig aufsagen. Und flüssig.

Und dass es nicht so gestelzt klingt und künstlich aussieht. Mein Hirn schaltet also auf die nur für lebensbedrohliche Notfälle vorgesehene Funktion Multitasking. Alle Sinne liefern jetzt jede Sekunde Megabytes an Großhirnrinde und Kleinhirn. Die Produktion sämtlicher Hormone schwillt ebenfalls an.

Ist die Blonde da vorne jetzt die Mutter oder die Oma des Babys? Heute sind aber extrem viele Touristen unterwegs.

Konzentration, Marcus, Konzentration! Ja, klar doch, kein Problem.

Auch so viele Deutsche hier! Die gucken mich alle ganz komisch an, weil ich mein Handy so hoch halte wie ein Reiseleiter seinen Schirm – und dann können sie auch noch ein paar Fetzen verstehen! Ob mich das ablenkt? Quatsch! MICH doch nicht! Aber die Familie da sieht italienisch aus. Oder? Italienisch, keine Frage.

Nach drei Stunden und acht äußerst mittelmäßigen Aufnahmen fahre ich entäuscht heim. Ok, das muss halt reichen. Ich werde aus allem was zusammenschneiden müssen.

Tag 9

Heut wird geschnitten! Hurra! Und siehe da: Versuch sechs war gar nicht so übel, wenn auch nicht perfekt. Den nehme ich! Leider sind die Windgeräusche und der Krach von den Straßenbahnen so laut, dass man kein Wort versteht. Aber hey, ich bin schließlich ein Pro! In weiser Voraussicht habe ich den Ton mit einem Extramikro für Profis aufgenommen, angeschlossen an einen Profirekorder. Ich suche die Datei. Ah ja, da ist sie. Komisch, das Profimikro an meinem Hemd war wohl nicht richtig eingesteckt, der Profirekorder an meinem Gürtel hat deshalb mit dem eingebauten Mikro aufgenommen. Die Straßenbahnen hör ich perfekt. Meinen Gürtel auch! Welch beeindruckende Klangqualität! Mich selber hör ich aber so gut wie gar nicht. Mit anderen Worten: Alle acht Versuche sind völlig wertlos. Ich lösche die Tondateien vom Gürtel und versuche, heute nicht mehr an den Gebetsclip zu denken.

Tag 10

Frühstück
Meine Frau hat die Idee: Warum nicht synchronisieren? Ton kann man doch nachträglich aufnehmen, erst recht Worte und Dialoge. In Deutschland liebt man schließlich synchronisierte Filme und merkt kaum, wenn Lippen und Worte nicht genau zusammenpassen. Eine blendende Idee, logisch! Hab zwar null bis gar keine Synchronerfahrung aber klar, so machen wir’s! DIE Idee!!!

Meine mangelnde Erfahrung stellt sich unter Beweis: Das Ergebnis ist so überzeugend wie als wenn Tante Frieda die Queen synchronisiert. Einfach schmerzhaft für jeden Hörnerv. Geht gar nicht. Ich lösche alle Dateien. Gehen Sie zurück auf Los.

Abendessen
Wir kommen auf die Idee, spontan ins Kino zu gehen. Wir haben ja noch Rabattkarten. Hotel Mumbai läuft. Der Zufall will, dass das Kino genau da liegt, wo ich vorgestern versuchte, den Clip aufzunehmen. Außerdem fährt meine Tochter mit, und die studiert schließlich Film. Also rein in den Rucksack mit meinem Equipment. Wir haben zwar nur 10 Minuten Fußweg von der Bushaltestelle bis zum Filmstart, doch das muss reichen. Check: Mikro diesmal richtig eingesteckt. Ich drücke auf Aufnahme. Beim ersten Versuch verhaspel ich mich in der Mitte. Egal, ein Versuch geht noch. Und der wird perfekt. Töchterlein spielt wie Steven Spielberg mit der Kamera. Ton – check! Perfekt! Halleluja! Leider habe ich beim Start aber auf dem Handydisplay wohl einen winzigen Zehntelmillimeter neben den Aufnahmeknopf gedrückt. Mit anderen Worten: Wir haben zwar diesmal Ton, dafür aber keinen Film. Ich lösche die Tondatei sofort. Zum Glück ist Hotel Mumbai intensiv genug, mich davon abzulenken, mich in den eigenen Arsch zu beißen.

Tag 11

Es regnet in Strömen. Nix filmen heute.

Tag 12

Bin zum Treffen mit zwei jungen Männern in einem Lunchrestaurant in der Stadt verabredet. Das Restaurant liegt wieder in derselben Straße, also wird wieder alles mitgenommen. Leider fängt es an zu schütten, als ich aus dem Bus aussteige. Also doch nur Lunchmeeting. Es geht übrigens um ein mögliches neues Filmprojekt…

Nach dem Treffen ist alles wieder trocken! Ich versuch’s ohne groß nachzudenken. Bald sind zwei Aufnahmen im Kasten, die brauchbar sein könnten. Fahre heim und widme mich anderen Dingen.

Tag 13

Heute werden Ton und Bild bearbeitet, geschnitten und synchronisiert. Hab aber zu langsam gesprochen, beide Aufnahmen sind eine Minute zu lang. Doch weil’s in den letzten zwei Monaten gar keine Clips gab, macht sechs Minuten geteilt durch drei Monate im Schnitt nur zwei Minuten pro Monat. Ergo: Ich lasse es, wie’s ist.

Tag 14

Manchmal möchte ich Musik im Hintergrund. Der jetztige Clip hat viel Hintergrundgeräusch, und deshalb möchte ich das einen Tick versüßen. Ich bilde mir eine Instrumentalversion von Jesus Christus herrscht als König ein. Doch die Version, die ich mir einbilde, gibt’s gar nicht. Mein Versuch, die selbst zu spielen, scheitert kläglich. Also wird’s doch nur etwas Plätschermuzzik im Hintergrund… Der Film scheint tatsächlich fertig zu werden, doch das sieht man immer erst nach ein paar Tagen…

Tag 15

Kritisches Betrachten des Filmchens nach 24 Stunden Pause. Und siehe da: viel zu viel B-Roll, weg damit, das lenkt doch alles nur ab!

Tag 16

Nochmal ansehen. Besser so.

Tag 17

Letzte Kontrolle. Genehmigt. Hochladen. Fertig. Endlich. Halleluja.

Hab mir heute vielleicht ein Glas Wein verdient.

Der fertige Gebetsclip wird ab Sonntagvormittag hier auf dem Blog zu sehen sein. 

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