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Ora et labora

Wobei letztes Wochenende eher „ora“ angesagt war. Eine Schweigefreizeit, in der man einem mönchischem Tagesablauf folgte und viele meist koptische Liturgien durchbetete und ansonsten gar nichts sagte. In den Stunden zwischen den Gebeten, Mahlzeiten und Andachten hatte man die Möglichkeit, in der Bibliothek zu lesen, sich auf sein Zimmer zurückzuziehen oder Spaziergänge in Europas größtem Eichenwald machen. Eine unschätzbare Erfahrung.

Für mich waren es weniger die Liturgien, die mich angesprochen haben. Das ist nicht meine persönliche Art, Gott näher zu kommen. Mit Liturgien habe ich immer eher auf Kriegsfuß gestanden, es waren nur tote Formen für mich. Und in der Tat, in vielen Kirchen ist es auch nicht mehr. Es war hochinteressant zu erleben, wie eine Liturgie zu Leben erwachen kann, wenn sie von Menschen mit echtem Leben erfüllt wird. Hier waren junge Männer und Frauen, echte Jesusnachfolger, die einen Teil ihres Lebens in einer Art Orden verbringen möchten. Und eine Gruppe schweigender Männer, die sich ihnen für ein Wochenende anschloss. Plötzlich konnte man echte Tiefe und Weisheit in den festen Gebetszeiten wie die Laudes oder die Vesper entdecken. Man wurde immer wieder an einfache aber so wichtige Glaubensweisheiten erinnert, konnte sie verinnerlichen, sie wieder neu auf sein eigenes Leben beziehen. Es gab hier keine Heiligenverehrung, sondern hier standen alleine der Vater, der Sohn und der Heilige Geist im Mittelpunkt. Zum Glück, sonst hätte ich wohl doch Probleme bekommen. Der Leiter der KOmmunität war (ist?) ein (ehemaliger?) Pfingstler, kann man das glauben. Er erinnerte mich an Ed Rommen, der als Evangelikaler zur Orthodoxen Kirche „übergelaufen“ ist. Nun, heute kann ich verstehen, warum. Vielleicht ein anderes Mal mehr dazu. Eigentlich wollte ich ja sagen, dass es eben NICHT die Liturgien waren, die mich ansprachen.
Es war zum Einen die Erfahrung der Ruhe. 20 Stunden hat es gebraucht, bis ich spürte, dass mein Geist auch angekommen war. Wie sehr brauchen wir heute Ruhepole in dieser hektischen Welt?
Zum anderen war es die erneute Erfahrung, dass Gott lebt und ein sehr lebendiger und persönlicher Gott ist. Er redet. Er redet fast wie ein irdischer Vater, wenn auch nicht mit hörbarer Stimme. Durch Gedanken, klar und deutlich wie ein gesprochenes Wort, durch das Mitbeten, das Hören der Andachten aus Gottes Wort, das eigene Bibelstudium. Er redet, und er redete zu mir und hatte einige wichtige Dinge zu sagen, so wichtig, dass ich an einer Stelle das Gespräch mit dem leitenden Geistlichen aufsuchte. Es ist so inspirierend wie nichts anderes, wenn der Allmächtige in das eigene, kleine Leben spricht. Wie armselig ein Leben, das das nicht kennt.
Einige Dinge nehme ich mit aus diesem Wochenende. Einige wichtige Dinge. Eins ist, dass ich dies nicht zum letzten Mal gemacht habe. Im nächsten Jahr werde ich es wohl wiederholen. Auch wenn ich persönlich keine klösterlichen Liturgien brauche.
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