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Dagen: „Schweden braucht eine radikale Veränderung“

Torsten Åhman auf der „Lapplandwoche“ über Schweden als eines der meist säkularisierten Länder der Welt

Warum ist Schweden eins der meist säkularisierten Länder der Welt, und was kann man dagegen tun?

Es ist keine Neuigkeit, dass Schweden ein sehr säkulares Land ist. Woran das aber genau liegt, ist schwerer zu sagen. Torsten Åhman versuchte es trotzdem auf der „Lapplandwoche“. „Das wird keine Predigt werden, sondern ein Vortrag und deshalb vielleicht ein bisschen trocken. Ich hab euch also gewarnt.“

Mit diesen Worten leitete Torsten Åhman sein einstündiges Seminar über die Säkularisierung des Landes ein. Trotz brennendheißer Sonne und stickiger Luft war das Jugendzelt bis auf die letzte Bank besetzt, und alle blieben während des gesamten „trockenen“ Vortrages auf ihren Plätzen.

Facettenreich
Die Definition des facettenreichen Wortes „Säkularisierung“ ist gemäß Torten Åhman, wenn „Religion im Bewusstsein der Menschen an Bedeutung verliert“. Er begann damit, zunächst mit einer Reihe Mythen aufzuräumen. Der erste handelt davon, dass die Ursache der Säkularisierung in der Abschaffung des christlichen Religionsunterrichtes liege.

„In China gab es in den siebziger Jahren rund drei Millionen Christen. Heute sind es hundert Millionen. Das Christentum hat sich dort wie ein Lauffeuer ausgebreitet, und dort hat es nie christlichen Religionsunterricht gegeben, darauf könnt ihr euch verlassen. Dass der christliche Glaube nicht mehr die gleiche Stellung in den Schulen hat wie früher kann nicht der Grund zur Säkularisierung Schwedens sein. Das kann man nun wirklich nicht den Sozialdemokraten ankreiden.“

Der zweite Mythos sagt, dass wir heute zu gebildet seien.

„Als Nichtaufgeklärte hatten wir noch mehr Glauben, lautet ein sehr beliebter Gedanke bei den sogenannten Humanisten. Aber das stimmt nicht. Zu allen Zeiten hat es gläubige Menschen in den höchsten Bildungsschichten gegeben. Bildung drängt nicht zwangsläufig Glauben zurück“, stellt Åhman fest. Als Beispiel nennt er den Biologen Francis S. Collins oder die schwedische Akademie, in welcher gleich eine ganze Reihe Gläubige sitzen und deren ständiger Sekretär sogar Jesus in einer Vision gesehen hat.

Angeknackste Mythen
Der dritte und letzte Mythos, der gebrochen werden soll, handelt von technischer und wirtschaftlicher Entwicklung, welche die Säkularisierung fördere. Für Torsten Åhman stellte sich die Frage nach dem Warum der Säkularisierung ganz besonders, als Papst Johannes Paul II starb.

„Eine Million Menschen versammelten sich in Krakau um ihn zu betrauern, meist Jugendliche. Warum spielt Religion für sie eine so große, hierzulande hingegen kaum eine Rolle? Ich habe die Frage, warum sich das Christentum in Polen, China, Asien, Afrika, Südamerika und Teilen Nordamerikas, aber nicht in Schweden entwickelt, mit Magnus Malm, Autor und Gesellschaftsanalytiker, diskutiert. Magnus Malm gab eine erstaunliche Erklärung. Für ihn hängt es mit dem Begriff Freiheit zusammen. In den aufgezählten Ländern verbinde man Glaube nämlich mit Freiheit. Nicht so in Schweden, da ist es umgehehrt. Die schwedische Kirchengeschichte hat tiefen Spuren hinterlassen, die heute noch spürbar sind.

Schweden war ein Unterdrückerland und die Kirche war Teil des Machtapparates. Göran Hägg schreibt in seinem Buch ‚Gud i Sverige‘ (Gott in Schweden), dass die Priesterschaft die damalige Sicherheitspolizei war. Hexenverbrennungen geschahen schließlich im Namen der Religion. Eine ganze Zeit lang war man regelrecht gezwungen, zur Kirche zu gehen. Glaube hat sich in Schweden aus Unterdrückung entwickelt, und er wurde mit Zwang verbunden.“

Unterdrückung in Freikirchen
Und wie steht’s mit den Freikirchen? „Tja, selbst hier, wo das Wort ‚frei‘ groß in Namen und Programm steht, schlichen sich Bevormundung und Repression ein“, meint Torsten Åhman.

„Freiheit war kennzeichnend und wesentlich in den Erweckungsliedern, man sang ‚ich bin kein Thrall mehr‘ [Thrall = Bezeichnung der Wikinger für Sklave]. Aber dann wurde man so beschäftigt mit der ‚richtigen‘ Lebensweise, bis man es mit Details bis zur absoluten Sinnlosigkeit übertrieben hat. Es mag zwar heute niemand hören, aber wenn wir verstehen wollen, warum es in unserem Land so ist, wie es ist, müssen wir darüber reden.“

Und dann folgen Beispiele der Einschränkungen und Unfreiheiten in Freikirchen. Geschichten, die die allermeisten wohl in irgendeiner Form schon einmal gehört haben. Der Pastor, der auf einer Jugendkreisfreizeit filmte aber dann verbot, den Film zu zeigen, schließlich war es ja Sünde, Filme zu sehen. Die Frau, deren Brosche in der Gemeindeleitung diskutiert werden musste, weil sie versetzt und nicht gerade unter dem Kinn angebracht war.

„Heute begegnet man uns mit kräftigen Vorurteilen, die sich auch in einer Reihe Filme widerspiegeln. Und ich glaube, das Ganze hat den Geist des schwedischen Volkes geprägt. Man hat Menschen aus der Gemeinde ausgeschlossen, die nicht dem Code gefolgt sind, oft wegen oberflächlicher Trivialitäten, doch es hinterlässt tiefe Spuren bei den Betroffenen. Viel Gutes ist durch die Erweckungen geschehen, doch diese rauschende Bewegung ist zu einer gesellschaftlichen Randerscheinung geworden.“

Was tun?
Was kann man also gegen die Säkularisierung tun? Nach Torsten Åhman braucht es eine radikale Veränderung. Eine Veränderung, die keinesfalls mit sich bringt, dass wir unseren Glauben verleugnen, sondern den Glauben vielmehr zur Hauptsache erhebt und zeigt, worauf es beim Glauben eigentlich ankommt.

„Es geht hier nicht um einzelne Begegnungen oder Menschen und ihre Gotteserfahrungen – das Ziel des christlichen Glaubens ist eine veränderte Welt. Was am allermeisten gebraucht wird, ist, das Menschen in Schweden gleichwie in Afrika, Südamerika, Nordamerika und vielen Ländern Asiens an Freiheit denken, wenn sie die Botschaft der Kirche hören. Das schwedische Volk muss verstehen lernen, dass der christliche Glaube Freiheit ist.

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Bericht der Tageszeitung „Dagen“ vom 12. Juli 2011
Übersetzung: Marcus
Karen hörte Torsten Åhmans Vortrag auf der Torpkonferenz

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