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Pure Lust auf Götzendienst

Als junger Christ wäre es mir manchmal lieber gewesen, es hätte immer noch „Götzendienst“ gegeben, wie er in der Bibel vorkommt. Das hätte einiges erleichtert. Zum Beispiel, wie ich meinen neuen Glauben an Jesus anderen erklären kann – denn „Götzendiener“ wissen ja auch genau, woran sie glauben. Im heutigen Westen aber kann kaum noch jemand die Götter beschreiben, die das eigene Leben bestimmen. Ich fand das immer schwierig.

Vor einigen Jahren kamen dann mal einige Vorschläge, was die „Götzen“ des Westens heutzutage so sind. „Romantische Liebe“ wurde zum Beispiel genannt, weil dem ständigen Jagen nach Verliebtheitsgefühlen viele Beziehungen und Familien geopfert werden. Einkaufszentren werden als „Konsumtempel“ bezeichnet, weil Konsum glücklich macht und deshalb viel dafür hergegeben werden muss. Oder bestimmte Marken bekommen Götzenstatus, seien es Kleider-, Auto- oder andere Marken, weil man sich leicht darüber definiert und seinen eigenen Wert ausmacht. Ohne bestimmte Logos auf seinen sieben Sachen bleibt nicht viel übrig vom eigenen Sein.

Mit Mercedesstern: Interessanter Grabstein in Amsterdam.
(Eigenes Foto)

Da mag was dran sein. Doch mittlerweile glaube ich, dass alle diese Dinge zwar sehr mächtig, aber noch lange keine Götzen sind. Wenn ich die Bibel richtig verstehe, ist ein „Götze“ immer eine Art Ersatzgott, und damit etwas persönliches. „Götzen“ haben meistens (immer?) Namen, Eigenschaften, Persönlichkeiten. Und Götzen haben Macht. Macht, die angezapft werden kann, wenn man nur die richtigen Tricks kennt; wenn man weiß, wie man sie manipulieren kann. Das ist das Grundprinzip aller Religionen – die Macht der Götter zum eigenen Vorteil zu manipulieren. Glücklich der, der weiß, wie’s geht, denn er hat automatisch mehr Macht als der, der’s nicht raus hat. (In diesem Sinne ist wohl auch ein großer Teil in christlichen Kirchen nix anderes als purer Götzendienst. Aber das ist ein anderes Thema.)

Was sind dann aber die heutigen Götzen? Ich glaube, es gibt heute nur einen einzigen Götzen. Es ist dafür aber ein echter, ausgewachsener Götze, ein richtiger Ersatzgott, persönlich, mächtig und sogar sehr liebenswert. Ein Götze, dem extrem viel möglich ist, wenn man ihn nur mit den richtigen Zeremonien verwöhnt. Und ich glaube, fast alle derer, die ich kenne, würden mir zustimmen, egal welchen Glauben oder welches Weltbild sie vertreten. Der Götze der Gegenwart ist das Ich.

Das „postmoderne Gebet“ spiegelt das sehr gut wider, finde ich. Es gibt nur ein großes Problem mit diesem Götzen: Er ist extrem mächtig und kaum zu stürzen. Während man nämlich anderen „Götzen“ buchstäblich etwas opfert, ist man beim Ich immer gleich selbst auch der Nutznießer eines jeden „Opfers“, welches man darbringt. Und das ist doch äußerst angenehm. Warum aufhören?!

Die Lehre Jesu, sich selbst zu verleugnen, ist dem Ich hochgradig widerlich. Das Ich, das doch groß rauskommen möchte und sich Denkmäler setzen will, ekelt sich auch vor Aussagen, wie z.B. dass jeder, der groß sein will, klein werden muss. Je größer, desto kleiner. Bei so viel ekelerregenden Inhalten im Neuen Testament wird es meiner Befürchtung nach in Zukunft sehr, sehr, sehr viele und immer noch mehr postmoderne Götzendiener geben. Und immer weniger Jesusnachfolger. Nun, dazu muss ich kein Prophet sein. Ich muss nur Statistiken lesen. Der Trend geht eindeutig wieder zum eigenen Hausgötzen.

Vor vielen Jahren hörte ich als junger Christ einen sehr alten Bruder in einer Bibelstunde mit vielen anderen alten Leuten. Ich war mit Abstand der jüngste in dieser Runde. Der alte Bruder fasste damals die gleiche Thematik in seine eigenen Worte. Das Ich nannte er „den alten Adam“, und dieser alte Adam müsse, so erklärte er mit energischen Worten, brutal ersäuft werden. Es gebe keinen anderen Weg. Nur so können wir wirklich frei Jesus folgen und dienen. Dem alten Adam sei Jesus nämlich zuwider. Er habe das gemacht, erklärte der alte Bruder glühend, er habe seinen alten Adam ersäuft. Ich war fasziniert. Und dann kam dieser nachdenkliche Zusatz: „Doch der Sauhund kann schwimmen.“ Und alle anderen alten Brüder und Schwestern nickten zustimmend.

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