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P wie prophetisch

Im Mai 1991 besuchte ich völlig spontan meine Großmutter im Altenheim. Sie sprach nicht viel, und ich las ihr aus meiner kleinen, blauen Reisebibel vor. Es war ein schöner, friedlicher und liebevoller Besuch. Als ich dann gehen musste, war uns beiden klar, dass wir uns nicht mehr wiedersehen würden. Langsam, aber sehr dankbar schlich ich aus dem Zimmer. Eine gefühlte Stunde, nachdem ich den Raum verlassen hatte, wachte ich in Freetown auf – ein neuer Morgen in Sierra Leone. Meine Oma war immer noch in Gummersbach – doch ich war eine Woche zuvor nach Afrika gereist. Mir war klar, dass ich sie nur im Geist besucht hatte und heute ihr Todestag sein würde. 1991 hatten wir noch keine Handys. Als mich zwei Wochen später meine Eltern am Flughafen abholten und dann verzweifelt nach Worten suchten, mir schonend beizubringen, was in meiner Abwesenheit passiert war, konnte ich ihnen helfen: „Die Oma ist tot, ich weiß. Ich habe sie vorher noch besucht.“ Ich war 23 Jahre alt, und dies war mein erstes prophetisches Erlebnis, an das ich mich bis heute sehr gut erinnere.

Prophetie war für mich viel zu lange ein echtes Nicht-Thema. Zwar wurde manchmal im CVJM, wo ich meine ersten Schritte im Glauben lernte, ein Prophet des Alten Testaments erwähnt. Doch sonst hörte ich jahrelang so gut wie nichts über die Geistesgabe der Prophetie, und wenn doch, dann fühlte es sich meist wie etwas Gefährliches an, häretisch und anrüchig, ja, fast schon dämonisch. Doch wie ein Kind, das eigentlich jedes Geschehen als „normal“ erlernt, nahm auch ich die Nichtexistenz aktueller Prophetie ohne zu hinterfragen als gegeben hin. Ich erschrak nur immer wieder, dass ich manchmal Dinge einfach wusste oder Gefahren erspüren konnte, aber nicht die geringste Ahnung hatte, was das zu bedeuten hatte.

Als z.B. wenige Jahre nach dem Tod meiner Oma die Idee zu einer langen Reise mit der erweiterten Schwiegerfamilie aufkam, spürte ich von der ersten Sekunde, dass hier irgendwas nicht gutgehen würde, doch ich wusste nicht was! Ich schlug also alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen oder Versicherungen vor, doch natürlich nahm das niemand ernst, es gab ja auch keinen nachvollziehbaren Grund dazu; ich war nur der pessimistische Vorfreudenverätzer. Und trotz vieler tausend Kilometer Autofahrt verlief der Urlaub bis zum letzten Tag gut, sicher und harmonisch. Doch das Gefühl wollte nicht nachlassen, im Gegenteil, es wuchs, doch ich sprach nicht mehr darüber. Paradoxerweise fühlte es sich dann auf der Heimfahrt fast schon wie eine Erlösung an, als ich hilflos auf einem Passagiersitz festgeschnallt miterleben musste, wie der Wagen in voller Fahrt von der Fahrbahn abkam und sich überschlug. Vielleicht waren es alle meine „pessimistischen“ Gebete um Bewahrung gewesen, die dafür gesorgt hatten, dass alle bis auf ein paar kleine blutige Wunden unverletzt aus dem Wrack kriechen konnten.

Dankbarerweise bilden Todes- und Unfälle eher die prophetische Ausnahme für mich, auch wenn’s spektakuläre Klassiker sind. Meistens sehe ich Gutes. Ein liebendes Herz in einem Menschen, reine Motive, der Bedarf an etwas Aufmunterung. Vor allem, seit ich in Schweden lebe, erfährt dieser Teils meines Seins eine echte Kur. Anders als viele deutsche Evangelikale kennen schwedische Christen keine Angst vor der Prophetie. Sie nehmen 1Kor 14,1 ernst: „Bemüht euch um die Geistesgaben, ganz besonders aber um die Weissagung„. Erst hier habe ich gelernt, dass mir vermutlich schon vor langer Zeit die Gabe der Prophetie gegeben wurde und ich jahrzehntelang keine Ahnung davon hatte. In Schweden lernte ich vor allem, prophetisch zu beten, ganz besonders im persönlichen Fürbittegebet. Nach dem Amen! ist es oft ein Duft des Himmels für mich, den von (Freuden-)Tränen begossenen Dank der Gebetsempfänger entgegennehmen zu dürfen.

Auch dieser Blog ist prophetisch. Eigentlich ist der ganze Blog ein einziges prophetisches Statement. Aber versteckt und indirekt. Denn nur wer Ohren hat, der hört. Die Serie über die Gemeinde der Zukunft vom Januar 2017 ist da eher einer offenschtliche Ausnahme. Die ganze Schlechterwisser-Serie ist hingegen in Wahrheit ein Wehruf über verknöcherte Geister, wenn auch ein liebevoller und geduldiger.

Oft ist man rein zufällig prophetisch, also ohne selbst etwas davon mitzubekommen. Warum habe ich im gestrigen Gebetsclip ausgerechnet den Regenwald erwähnt, der auf dem Spiel steht? Ich weiß es nicht! Natürlich weiß ich schon seit Jahren, und zwar lange, sehr lange vor Greta Thunberg, wie es um unsere Welt inklusive Regenwald bestellt ist, und als ich vor Wochen den Text zum Clip schrieb, hätte ich jedes x-beliebige Beispiel der Schöpfungszerstörung nehmen können. Ich hatte noch keine Ahnung von den Bränden. Diese „zufällige“ Wortwahl aber gibt dem Clip besondere Aktualität.

Nach wie vor fühle ich mich als prophetischer Anfänger, ein Greenhorn, unsicher und unerfahren. Und dennoch habe ich als Prophet schon einiges erlebt. So weiß ich auch, dass jenem Menschen ein schnelles Pferd gegeben werden soll, der die Wahrheit ausspricht. Propheten sind Störenfriede, unbequem. Sie kümmern sich oft mehr um ihren Ruf bei Gott als den Status Quo bei den Menschen. Nicht selten leben sie gefährlich. Propheten sind meist sehr einsame Seelen, unverstanden von den meisten. Sie sehen wenig Frucht und gehen trotzdem immer weiter. Sie sind anders und kommunizieren ungewöhnlich, oft sehr kreativ und ganz und gar nicht wie der Mainstream. Prophetie, Depression und Wahnsinn wohnen alle in derselben Straße, denn Prophetinnen und Propheten wissen Dinge, die sie buchstäblich verrückt machen können. Alle Punkte dieser Liste würde ich übrigens auch als auf mich zutreffend ankreuzen.

Womit ich möglicherweise einen Hinweis zur Aufklärung des gestrigen Gebetsanliegens gefunden hätte. Und womit wiederum dieser Blogpost vielleicht zur Kategorie „Zufallsprophetie“ gehört. Denn als ich mich heute früh zum Schreiben hinsetze, hatte ich eigentlich nur den erwähnten Regenwald im Sinn und keine Ahnung, wo dieser Blogpost anfangen, geschweige denn aufhören würde.

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