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Karfreitag, TREK und Sünde

Die Sünde ist tot. Es lebe die Sünde! So ungefähr empfand ich manchmal, als ich bei meinen TREK-Vorbereitungen über Sünde im 21. Jahrhundert nachdachte. Fast alles erlaubt. Alles geht. Nichts ist unmöglich. Geiz ist geil. Schwamm drüber. Trotzdem: Irgendwie ist das verdammte Ding nicht totzukriegen. Man meint, nun sei dieses leidige Thema „Sünde“ endlich ausgerottet, wie es sich für Uptodaties gehört, da taucht es aus heiterem Himmel an den verblüffendsten Stellen doch wieder auf. „Der Spiegel“ zum Beispiel – wer hätte das gedacht – schreibt einen Titelbericht über den Triumph der Sünde. Die Bild am Sonntag veröffentlichte vor gut einem Monat eine Art Sündenbarometer – was die Deutschen als die schlimmsten moralischen Vergehen ansehen. Ergebnis: Betrunken Auto fahren, wohl in Anlehnung an Frau Käßmann. Selbst das schwedische Fernsehen, und das hätte wirklich niemand erwartet, sendete 2010 sieben Folgen „Ernstkabarett“ zur besten Sendezeit über jeweils eine der sieben Todsünden. Die Sünde ist tot? Naja.

Gott sei Dank sind es ja nur die anderen, die sündigen. Klar, ich bin auch nicht perfekt. Ich kann mich eigentlich ganz gut sehen lassen, meine Weste ist weiß. Ziemlich jedenfalls, bis auf so ein paar Kleinigkeiten. Hab nie einen umgebracht. Das ist ein Beweis, dass ich alle 10 Gebote bis heute gehalten habe. Und von alkoholisiert Autofahren steht schließlich nichts in den 10 Geboten. Der Karfreitag kommt als Frei-Tag eigentlich ganz gut, aber eigentlich brauche ich keinen Karfreitag. Nicht wirklich. So empfinden viele, nicht wahr? Ich auch?
Eine der wohl peinlichsten Erkenntnisse unserer TREK-Tage zum Thema „Sünde in einer sündlosen Gesellschaft“ war es, dass wir Evangelikalen ganz gut mitmachen im Karneval der Sündlosen. Aber auf unsere Art eben. Jesus liebt dich. Jesus liebt dich. Jesus liiiieeebt dich. So, wie du bist. Komm, wie du bist. Und bleib wie du bist. Wir Evangelikalen haben es extrem schwer, Sünde zu bekennen. Wann habe ich das letzte Mal gebeichtet? Ist das etwa nur was für Katholiken? Wann hast du das letzte Mal einem Bruder oder einer Schwester eine Sünde bekannt? Wann bin ich zum letzten Mal zur Beichte aufgefordert worden? Wann wird Beichte in unseren Gemeinden gelehrt, eingeübt, praktiziert? Wann habe ich mich zum letzten Mal vor einem Bruder meines Vertrauens dazu verpflichtet, mich zu ändern? Wann hat der Bruder mich darauf angesprochen und gefragt, wie es denn laufe? Wann habe ich zum letzten Mal mit meinen eigenen Ohren gehört „Im Namen Jesu, deine Sünden sind dir vergeben!“? Wo keine Buße, auch keine Gnade. Schade.
Wir Evangelikalen leben so, als hätten wir das mit der Sünde völlig unter den Füßen. Sünde? Abgehakt. Kapitel geschlossen, das hat Jesus erledigt. Biblisch stimmt das ja auch. Wir sind gerechtfertigte, geheiligte Sünder, klargespült von aller Schuld des Lebens, berechtigt, Gottes Kinder zu sein und in die Nähe seines Thrones zu treten, wo nur absolut sündlose Geschöpfe überleben können. Und das sind wir wirklich in Gottes Augen, gereinigte, heilige, sündlose Geschöpfe. Wir sollten nur nicht so dämlich und arrogant sein zu glauben, wir würden wirklich im Alltag auch so leben. Leider fällt uns diese dämliche Arroganz aber so leicht. Es ist doch so einfach, stattdessen von uns weg auf die „wirklich“ Bösen zu zeigen, sieh mal wie sündig die da hinten erst sind, die Schwulen, die Kinderschänder, die Drogendealer und Korrupten, die Mafiosos und radikalen Islamisten. Was siehst du den Splitter im Auge des anderen aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Eine berechtigte Frage Jesu an uns alle. Solange am Balken im eigenen Auge nicht gehobelt wird ist es leicht passiert, dass unsere Glaubwürdigkeit verliert. Warum beginnen wir nicht, an unserer Heiligung zu arbeiten? Warum beginnen wir nicht mit Dreierschaften, in denen Rechenschaft und Verantwortlichkeit eingeübt werden? Warum bauen wir Bekenntnis und Beichte nicht ganz natürlich in unseren Alltag ein?
Wer noch nie die Wonnen der Vergebung erfahren hat, weiß nicht, wovon in spreche. Wer noch nie teure Gnade geschmeckt hat, weiß nicht, wie süß sie ist. Wer noch keine Friedenspfeife rauchte, hat noch kein Kriegsbeil begraben. Wer noch nie reumütig die Knie gebeugt, um Vergebung gebeten und die Absolution empfangen hat, mag all dies als Papperlapapp empfinden. Wer aber weiß wie sich Versöhnung anfühlt, wer Frieden nach dem Krieg kennt, wer den schweren Rucksack schon mal genommen bekam, wird sich nicht mit weniger zufrieden geben wollen. Warum tun wir es doch so oft? Ist es der Stolz, der in frommen wie weltlichen Lagern gleichermaßen regiert und uns die Rüstungen weiter tragen lässt? Oder ist es die Scham, die unsere Gemeinden benebelt und uns die Maske des Superheiligen weitertragen lässt und das Sündenbekenntnis zum Tabu werden lässt?
Nur das Kreuz und die Auferstehung lassen Gnade und Vergebung und neues Leben möglich werden. Kreuz und Auferstehung waren und sind einmalig. Rettung und Rechtfertigung sind ebenfalls einmalig. Aber das Leben in der Heiligung, in der Nachfolge des Auferstandenen, in der Spannung zwischen altem und neuem Leben ist ein Prozess der erst mit unserem letzten Atemzug auf dieser Welt enden wird. Deswegen sollten wir besser gar nicht so tun, als hätten wir das Thema Sünde auch schon erledigt. Wir könnten sonst schnell als Heuchler und Schummler entlarvt werden. Es empfiehlt sich in diesem Fall, bei sich selbst anzufangen. Am Ende der TREK-Tage habe ich für mich beschlossen, ehrlicher mit mir selber und meinen Mitmenschen zu werden. Ich möchte die Beichte einüben. Ich möchte jeden Tag ein paar Tropfen teure Gnade schmecken. Möge Seine Gnade dadurch immer deutlicher und sichtbarer werden.

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