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Missionseifer

Wir betrachten H2O ja als eine Art Pilotprojekt und Versuchskaninchen, um herauszufinden, wie Gemeinde auch im postchristlichen 21. Jahrhundert noch lebendig bleiben kann. Da gibt es viel Versuch und Irrtum und wir selber lernen dabei jede Menge, aber wenn andere Gemeinden und Projekte vielleicht auch davon profitieren können, wäre das genau in unserem Sinne. Das ist einer der Existenzgründe dieses Blogs. Hier kommt nun eine weitere Beobachtung, die zumindest ich immer und immer wieder mache. Es ist eine Angelegenheit, deren man sich im Zusammenleben mit zeitgenössischen „Nichtkirchengängern“ (oder wie auch immer sie heißen wollen) wahrscheinlich besser bewusst ist, um Fettnäpfchen zu vermeiden.

Es geht nämlich um die früheren Erfahrungen solcher Menschen mit Kirchen oder missionseifrigen Christen. Je mehr Menschen ich kennenlerne und je besser ich sie kennenlerne, desto mehr zeigt sich, dass diese früheren Erfahrungen ein verstecktes, subtiles aber echt schwerwiegendes Hindernis in unserer Beziehung sein können.
Ich bin wirklich überrascht, wie viele Menschen schon mal Christen getroffen haben, die sich wahrscheinlich als Jesusnachfolger bezeichnen würden. Ich bin verblüfft, wie viele Gespräche über Glaubensfragen schon geführt wurden, denn die meisten können mir ganze Gesprächsabschnitte zitieren (vielleicht treffe aber auch nur ich solche Leute und das ist eine gottgeführte Ausnahme?! Ich weiß es nicht.). Ich bin wirklich platt, dass es offenbar noch so viel Missionseifer unter den Christen gibt – oder zumindest gab. Und ich bin fassungslos und verstört, wenn ich mitbekomme, was für einen schlechten Eindruck die Christen ganz offenbar hinterlassen haben. Seither wird der christliche Glaube nämlich als Option für das eigene Leben eigentlich kategorisch ausgeschlossen.
Diese Erfahrung zieht sich seit mehr als 4 Jahren wie ein immer wiederkommendes Muster durch meinen Dienst. Was sagen mir die Leute? Ich höre Sätze wie:
  • „Der Pastor da war ja ganz nett aber der konnte immer nur seine eigenen Sachen wiederholen. Auf meine Fragen konnte er nicht eingehen, geschweige denn beantworten. Da habe ich mir gedacht: Das hat keine Substanz. Das kann also nichts sein.“
  • „‚Jesus liiiebt dich!‘ Das ist alles, was sie sagen können. ‚Dieses und jenes solltest du nicht tun, denn Jesus liebt dich!‘ Also ich weiß nicht, das ist nix für mich.“
  • „Du, Marcus, ich rede gerne über religiöse Dinge, aber eins sag ich dir direkt: Ich will nicht bekehrt werden, klar?! Wenn du darauf hinaus willst, ist sofort Schluss. Ich will bloß austauschen.“
  • „Naja, da waren diese christlichen, und die sagten mir immer: ‚Du musst an Gott glauben!‘ Wenn ich dann fragte: ‚Warum? Kann nicht auch Buddhist werden? Der Glaube ist doch viel älter!‘ kam die Antwort: ‚Nein, die glauben doch nicht an Gott!'“ (Es folgt ein Grinsen und amüsiertes Achselzucken)
  • „Also, wenn ich höre, wie die Christen reden und sehe, wie sie leben – also ich weiß nicht, um so zu leben brauch ich nicht in die Kirche zu rennen. Das kann ich auch ohne, vielleicht sogar noch besser.“
Als guter evangelikaler Christ würde man hier wahrscheinlich fachmännisch analysieren: Wir brauchen mehr kompetente Evangelisten und Apologeten, die den Glauben besser erklären können. Nein, brauchen wir nicht, halte ich dagegen. Das Problem liegt nicht daran, dass diese Christen den Glauben nicht besser erklären konnten. Das Problem liegt daran, dass der Glaube auf eine bloße theoretische Überzeugung reduziert wurde. Aus Sicht meiner Freunde haben Theorie und Praxis nicht zusammengepasst. Das Leben der Christen war offenbar alles andere als herausfordernd, anders, liebend, dienend, fordernd.
Aus diesem Grund möchte ich den Missionseifer auf keinen Fall bremsen. Im Gegenteil! Sprechen wir über unseren Herrn und was Er uns bedeuted, wo immer es nur möglich ist! Es muss wirklich nicht perfekt sein und wir brauchen auch keine Experten zu sein, die jede Frage beantorten können. Aber eins tut Not: Unser Leben muss Aufmerksamkeit erregen. Wir müssen unbedingt lernen, den Glauben in der Nachbarschaft, im Kollegium, im Bus zu leben. Jesu Worte und Leben haben 100% übereinsgestimmt, deshalb war er so authentisch. Und Er sagt zu uns: „Wer meine Rede hört und TUT sie ist klug (Mt 7:24)“ und „Wer mich liebt, wird mein Wort halten (Joh 14:23).
Also, wo kann ich heute noch eine Predigt leben – und später vielleicht darüber reden???
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