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Die Verumständlichifizierung des Evangeliums

Mach den Stoppuhrtest: Bitte jemanden aus einer Gemeinde, dir mal kurz das Evangelium zu erklären. Oder, wenn du es selbst meinst zu kennen, dann tu so, als würdest du es jemandem erklären. Begrenze Dich auf das Allerwichtigste. Nur, was man wirklich wissen muss, zählt. Mach’s laut und hörbar, und miss auf jeden Fall die Zeit. Du hast ein paar Minuten zum Nachdenken, während du deine Stoppuhr holst und startbereit machst.

Auf die Plätze, fertig, los.

Und?!

Wie gings? Wie viele Worte? Wieviele Sekunden? Minuten? Hast du sogar mehrere Leute gefragt? Was ist Bestzeit, Durchschnitt, gab’s echte Prediger? Ich bin mir ganz sicher, dass die allermeisten heute viel mehr Zeit und Worte für „die gute Nachricht“ brauchen, als es in den ersten drei Jahrhunderten üblich war. Die brauchten nämlich nur sieben Worte, und alles war gesagt: Jesus ist Herr und nicht der Kaiser. Das war „Evangelium“, gute Nachrichten, brachte Menschen zum erleichterten Durchschnaufen. Wenn du nur Jesus als einzigem und wahrem Machthaber nachfolgst, bist du erlöst und machst alles richtig. Punkt. Alles gesagt.

Das Problem entstand wieder einmal, als die Welt die Kirche verführte indem Rom die Gemeinde ehelichte. Plötzlich konnte man ja nicht mehr predigen: „Der Kaiser ist eigentlich gar nicht der Herr im Reich.“ Schließlich war man gewissermaßen nun selbst ein Teil des Kaisers geworden. Konnte sich in dessen irdischer Macht sonnen. Wieder einmal musste etwas Gutes verbogen werden, umgedeutet, neu interpretiert. Die Kirche hörte auf, Gemeinschaft der Nachfolgenden zu sein, und verstand sich stattdessen plötzlich als „Heilsanstalt“. In der Kirche fand man fortan das „Heil“ – nicht mehr bei Jesus. Schad auch.

Zum Glück hat’s in der Geschichte viele Versuche gegeben, zum ursprünglichen Evangelium zurückzukehren. Und sehr vieles war sehr gut, wenn das meiste auch nur eine Randerscheinung blieb. Doch so ganz haben wir bis heute nicht zum allereinfachsten Evangelium zurückgefunden. Das pure Evangelium scheint uns, verblendet durch eine ewige Kirchengeschichte, buchstäblich „zu einfach“ zu sein. Mal mindestens noch ein, zwei Bibelverse dazu, das brauch’s schon, oder eine Brückenzeichnung auf’m Bierdeckel vielleicht. Doch der arme, lahme Kerl aus Lukas 5 hat nichts gezeichnet bekommen und keine Bibelverse gelernt. Keine Beichte, kein Lippenbekenntnis war gefordert. Er ist schlichtweg Jesus gefolgt, selbst durch die unmöglichsten Hindernisse hindurch. Und als er endlich bei ihm war musste er nur seine Ohren aufsperren: „Deine Sünden sind dir vergeben“ und „steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“ (O-Ton Jesus.)  Des woar ois. Vermutlich stand ihm danach der Mund auch offen.

Warum also einfach wenn’s auch kompliziert geht?

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