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Sind Schweden die glücklichsten Menschen?

Jeder Schwede weiß, dass die Deutschen Skandinavien mögen. Schweden scheint besonders beliebt zu sein. Daher stellen mir schwedische Freunde immer wieder die zaghafte Frage men varför? – warum eigentlich?! Meine Standardantwort ist, dass Deutschland nur 0,8 mal so groß wie Schweden ist, dafür aber 8 mal so viele Einwohner hat. Doch die Deutschen lieben Wald, Natur und ihre Ruhe. Während germanische Energieriesen deutsche Forste kleinhäckseln, findet man in Schweden immer noch totale Stille in scheinbar unberührter Natur. Deswegen hat ein mit Dachzelt, Elchaufklebern und fetten Reifen bespickter Landrover auf schwedischen Straßen immer ein deutsches Kennzeichen – als Deutscher muss man einfach dahin kommen, wo einem keiner mehr auf den Senkel geht.

Diese Urlaubsstimmung trägt wahrscheinlich dazu bei, dass Skandinavien als kleines Paradies in greifbarer Nähe erlebt wird. Die ZDF-Mediathek ist gefüllt mit Inga-Lindström-Filmen voll strahlender Sonne und Falunröd. Der Journalismus hat das auch entdeckt. Deutsche Zeitungen verglichen Stuttgart 21 mit Västlänken in Göteborg, zwei Projekte ähnlichen Ausmaßes, wo u.a. ganze Bahnhöfe tiefergelegt werden. Während in Deutschland kriegsähnliche Zustände herrschten, lief es im Götaland friedlich ab. Obwohl manche deutsche Reporter maßlos übertreiben – die Nachricht, in Schweden gelte ab jetzt der gesetzliche Fünf-Stunden-Arbeitstag war definitiv Fake News -, sitzt die Brille, durch die in Skandinavien alles ein bisschen besser aussieht, doch recht stabil auf der Nase.

Und manches ist wirklich sehr vorbildlich. Während z.B. die EU in diesen Tagen u.a. wegen des deutschen Widerstands ihren Plan fallen lassen will, die Treibhausemissionen bis 2030 um 45% zu senken (solche Pläne aufzugeben ist eine der tödlichsten Todsünden unserer Zeit), wird in Göteborg die erste Elektrofähre namens Elvy in Betrieb genommen, um ein eigenes Ziel zu erreichen: Den CO2-Ausstoß des öffentlichen Nahverkehrs bis 2020 um 80% zu senken. Es gibt außerdem eine 25%-ige Subventionierung von Elektrozweirädern. Oder ein ständiges wachsendes Angebot an veganen Produkten. Skandinavische Politik ist ganz sicher nicht so träge wie deutsche. Und offener für neue Ideen.

Sind Skandinavier deswegen glücklicher? Waren die Dänen das glücklichste Volk der Erde, als sie die Statistik führten? Sind es jetzt die Schweden, wie deutsche Medien berichten? Was ist Glück? Und wie misst man es?

Nun, die meisten dieser Statistiken sind wahr. Auf ihre Art. Doch sie sagen nicht mehr als die Urlaubsfotos des Landrovertouristen. Ja, man war dort. Ja, man hat Tatsachen dokumentiert und dazu bestimmte Ausschnitte gewählt. Doch man bleibt hoch oben an der Oberfläche. Wer weiß schon, was sich alles in den Untiefen skandinavischer Seelen verbirgt?

Nehmen wir zum Beispiel das Jantegesetz. Ich fürchte, dass es Inga-Lindström-Fans unbekannt ist. Das Jantegesetz ist eine Sammlung von zehn Regeln, ein skandinavischer Verhaltenskodex. Der Begriff stammt aus dem fiktiven Dorf Jante des dänischen Schriftstellers Aksel Sandemoses, der die dortige ambivalente und kleingeistige Lebenskultur beschreibt. Skandinavier fühlten sich so sehr in tiefster Seele verstanden, dass das Jantegesetz zu einem soziologisch stehenden Begriff wurde. Was das Jantegesetz aussagt, und – vor allem! – wie es sich anfühlt, bringt der Stockholmer Clip „The Jante Law“ von 2006 recht treffend auf den Punkt:


 
Lagom, das angeblich neue Glücksrezept aus Schweden, ist fester Teil des Gesetz des Jante: Fall bloß nicht auf! Schwimm immer schön mit dem Strom! Wer’s mag, wird vielleicht selig…

Oder nehmen wir das Thema Einsamkeit, einer der Hauptgründe, uns damals nach Schweden einzuladen: Schweden braucht mehr Gemeinden, die kreativer gegen eins der größten gesellschaftlichen Probleme des Landes kämpfen, die ständig zunehmende Einsamkeit. Sie führt zu sozialer Verödung, Alkoholmissbrauch, Krankschreibungen, Massenverschreibungen von Psychopharmaka, Scham, Angst. Unser Kampf gegen das Alleinsein findet sich immer wieder in diesem Blog. Einsamkeit ist eine der mächstigsten Plagen, die mir in meiner Karriere begegnet sind. Der Fluch der Isolation ist schwer zu brechen.

Der schwedisch-italienische Regisseur Erik Gandini hat sich 2015 des Themas angenommen. In provokativer Form stellt seine Dokumentation „The Swedish Theory of Love“ die Theorie auf, dass das sozialdemokratische Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit des Einzelnen zwar Unabhängigkeit und individuelle Freiheit fördert, die Menschen aber andererseits völlig abkapselt. Man sieht onanierende Männer bei der Samenspende und masturbierende Frauen bei der Selbstinjektion von online bestelltem Sperma. Die größte Samenbank der Welt ist schließlich auch in Skandinavien. Man folgt Beamten in Wohnungen hinein, wo verstorbene Alte schon seit Wochen verwesen. Fortpflanzung und Sterben – alles machen wir selbst. Völlig unabhängig und ganz allein. Glücksache?!

Wer sind also die glücklichsten Menschen der Welt? Ob ihr es glaubt, oder nicht, aber ich weiß es. Es ist ein Völkchen, das sehr weit zerstreut lebt. Man findet es auf der ganzen Welt. Nicht nur in Schweden, Dänemark oder Deutschland. Es spricht alle Sprachen. Die meisten haben kein großes Vermögen. Und dennoch gehören sie zu den reichsten Menschen der Welt. Es ist das Volk der Dankbaren. Denn glückliche Menschen sind nicht immer dankbar, aber dankbare Menschen sind immer glücklich. Ganz besonders, wenn man jemand hat, an den man seinen Dank richten kann. 

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