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Let’s Dance!

Oder: Auch Alte können Tango tanzen 

„Du bist aber nicht gerade der typische Veganer!“ sagte die attraktive 22-jährige völlig verwundert zu mir, nachdem sie erst die Cashew-Gryta auf meinem Teller sah und daraufhin ein anderer Herr am Tische sie väterlich aufklärte: „Marcus ist ein…, ein Veganer.“ Der herzerwärmende Charakter dieser kurzen Unterhaltung musste mir ins Gesicht geschrieben stehen, denn mein erfreutes „Ach nein? Warum nicht?“ beantwortete sie mit entwaffnend großer Offenheit: „Naja, erstens bist du ein Mann. Zweitens ein Christ. Und drittens alt.“

Bingo.

Ich bedankte mich dreimal. Schießlich hatte sie meine Männlichkeit, meinen Glauben und mein Alter vor allen Anwesenden respektiert. Das sind Momente, die vergisst man nicht. Und sollte sie danach noch auf die Idee kommen und fragen, warum ich denn vegan sei, dann wäre das gerade so, als böte mir jemand einen schottischen Single-Malt und einen guten Zigarillo auf der Sommerveranda zum Nachtisch an: Großgenuss und Lebensfreude pur.

Sie kam auf die Idee.

Selten fühle ich mich so vereint mit dem Sinn meines eigenen Lebens. Und wenn es dann passiert, ist es wie ein Rausch, als schwebe die Seele im Himmelslicht, das leicht und unbeschreiblich durch die Decke schimmert. Die Bestimmung meines Lebens ist nämlich, Menschen auf Jesus neugierig zu machen. Ich will keine Bibeln um irgendwelche tauben Ohren schmettern, will niemanden schubsen und bepredigen, um mein eigenes Gewissen zu beruhigen, will keine Seelen mit Missionsmethoden manipulieren. Ich will, dass Menschen fragen. Nur dann habe ich ihre Aufmerksamkeit. Fragt niemand, hat mein Zeugnis versagt. Doch tun sie es, wirkt es wie eine schüchterne Aufforderung zum Tanz. Und wie dieser verläuft, hängt ganz davon ab, wie geschickt ich mich bewege. Oder wie bald ich mir und anderen auf die Füße trampel.

Es braucht nicht viel, um zum Tanze aufgefordert zu werden. Ein freudiger Geist und etwas Cashew-Gryta, oder auch nur ein trockenes Brot auf dem Teller reicht heutzutage völlig aus. Erst recht, wenn alle anderen am selben Tisch lustvoll ihre triefenden Steaks zerstückeln.

Sie hatte ja völlig Recht. Ich bin ein Mann. Dass echte Boys sich an Cows und Fleisch ergötzen, ist nicht erst seit #MeToo bekannt. Und ich bin ein Christ. Für viele Christen kommt die tierfreie Ernährung einem Glaubensabfall nahe; ernsthaftes Fasten mustern freie Fromme gerne als fanatisches Haschen nach Wind. Doch dann wäre da noch ihr dritter Punkt: Das Alter. Und hier nähern wir uns einem weiteren Dekubitus, der nicht berührt werden darf.

Denn das Alter wird älter. Europa ist nicht mehr fruchtbar. Nur der Anteil der Alten mehret sich fleißig. Immer rüstigere Rentner freuen sich auf rege Ruhestände. Nur nicht rütteln! Nur nichts ändern! Und wenn doch, dann langsam genug, dass das Heer der ergrauenden Geister nichts mehr mitbekommt.

Ein echter Generationenkonflikt entfaltet sich. Die jungen mucken auf und die erstarkten Betagten wehren sich. Allein, der Generationenkonflikt unseres Jahrhunderts geht nicht mehr um Lederjacke, Sex oder Irokesenschnitt. In unserem Fall haben die Jungen beängstigend starke Argumente und die Alten unerträglich wenig entgegenzusetzen. Noch nicht mal Altersweitsichtigkeit.

Hier sind drei beispielhafte White Walker, die ziemlich zahnlos zur Schlacht gegen die Mühlen der Veränderung brüllen:

https://www.welt.de/wirtschaft/plus192170743/Henryk-M-Broder-Fridays-for-Future-im-Realitaetscheck.html 
Autor Nummer eins, eindeutig auch keine vierzig mehr, macht schon gleich in der Überschrift keinen Hehl daraus, dass er Schmerzmittel gewohnt ist, aber nur die Auflösbaren, die sind schließlich leichter zu schlucken. Herr B. hat sich vorgenommen, mit seiner herangereiften Weisheit die Fridays For Future seinem eigenen „reality check“ zu unterziehen. Der zutiefst bestürzende, aber unübertroffene Höhepunkt seines Checks macht ihn selbst völlig fassungslos:
https://www.welt.de/wirtschaft/plus192170743/Henryk-M-Broder-Fridays-for-Future-im-Realitaetscheck.html

Sowas! Kein Führerschein! Da bleiben einem selbst aufgelöste Brausetabletten im Halse stecken. Wo aber jetzt genau für Herrn B. das unerhörte Dilemma und schwere Ärgernis im Bahnfahren liegt und warum eine einzige Radlerin allen Respekt als weltfremd dahimschmelzen lässt, das bleibt B.s diffuses Geheimnis. Denn was folgt, ist zusammenhangsloses Gerede von Hunden und Nichtrauchern. Kein Führerschein, Ausrufezeichen. Nicht gerade das dynamischste und schlagkräftigste aller denkbaren Argumente gegen Fridays For Future.

Vielleicht können Politiker etwas besser argumentieren? Insbesondere, wenn sie der Meinung sind, dass rationales Argumentieren immer schwieriger wird? Da würde ich Herrn K., dem zweiten Alten im Bunde, nämlich sofort zustimmen!

https://www.welt.de/politik/deutschland/plus192219247/Wolfgang-Kubicki-Die-AfD-wird-sich-weiter-radikalisieren.html?wtrid=onsite.onsitesearch

Ich muss dazusagen, dass das Interview größtenteils über die AfD geht und in diesem Zusammenhang gar nicht so schlecht ist. Doch dann spricht der FDP-ler über Moral und Argumente und in diesem Zusammenhang fällt die oben zitierte Aussage. Es folgt:

https://www.welt.de/politik/deutschland/plus192219247/Wolfgang-Kubicki-Die-AfD-wird-sich-weiter-radikalisieren.html?wtrid=onsite.onsitesearch

Ich zitiere: „Alles Quatsch“. Das erfordert einen Moment zum Nachdenken. War das der gewaltige Ausbruch rationaler Argumentation eines 67-jährigen Politikers? Oder sollten wir vielleicht doch lieber irrational argumentieren? Doch wahrscheinlich wollte Herr K. nur den Beweis liefern, dass ihm selbst in seinem Alter das rationale Argumentieren immer schwerer fällt. Fair enough.

Wir haben schon festgestellt, zwei der zitierten Alten schreiben in der Tageszeitung Die Welt. Erteilen wir also abschließend dem Herausgeber jenes renommierten Blattes als dritten im Bunde das Wort. Wir sollten davon ausgehen können, dass er als Chefjournalist sein Metier beherrscht.

https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus192210065/Klimawandel-und-Illusionen-Gruene-duerfen-traeumen.html

Doch halt: Schlagworte wie: „Untergangsapostel“ und „Schrecken einimpfen“ lassen uns wohl ahnen, dass der dritte Alte die junge Generation auch nicht wirklich ernst nehmen will. Doch halten wir Herrn A. zugute, dass er als Herausgeber sicher schlagfertige und vor allem: gute Argumente für seine These anführen wird:

https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus192210065/Klimawandel-und-Illusionen-Gruene-duerfen-traeumen.html

Ach, da lobe ich mir doch Herrn K. Der bringt es mit „alles Quatsch“ zumindest kurz und prägnant auf den Punkt und überlässt die weitere Deutung der Phantasie seiner Leser. Herr A. muss hingegen dem ganzen Lande auch noch offenbaren, dass er sich über Greta Thunberg lustig macht.

Es ist offenbar, dass diese drei Herren in einer Welt der Vergangenheit leben. Trotz der vermeintlichen Reife ihres Alters, trotz ihrer hohen beruflichen Qualifikationen und Karrieren stehen sie hilflos und untauglich da, außerstande, mit neuen Wahrheiten adäquat umzugehen. Sie fesseln sich an alte Regeln und ihre einzige Waffe gegen das Unbekannte ist der Zynismus und die Polemik gegen ihre vermeintlich unterqualifizierten Widersacher. Auf diese Weise drücken sie aus, was ihre Leser hören wollen:

Abstimmung am Ende des dritten Artikels

Doch so tanzt man nicht mit seinem Partner. Wer zum Gespräch herausgefordert wird, sollte sich im Takt bewegen, und den muss man vor allem hören können. Selbst Blinde können tanzen. Wer nicht zuhören will, kann auch nicht aufhören mit seinen alten Mustern. Tango ist Respekt und Würde. Ästhetik und Liebe. Bewegung und Flexibilität. Und ein Hauch Erotik. Von Mose wird gesagt, dass er selbst im hohen Alter nicht völlig ausgetrocknet war, sondern fit im Kopf und fähig zu leiten. Doch ein Geist so flexibel wie Rollatorrahmen wird uns zu Sturze bringen – und zwar ganz bestimmt, wenn es sich um knochige Leiter und Meinungsmacher handelt.

Es ist traurig, aber wahr: Die junge Dame hatte leider Recht. Männer, die jenseits der 50 noch auf vegan umstellen und andere Maßnahmen ergreifen, haben Seltenheitswert. Vor allem, wenn sie Christen sind. Die meisten Älteren machen weiter wie gewohnt. Aber auch wenn ältere Generationen sich immer noch gerne einbilden, noch den Takt vorzugeben – die Musik wird schon längst ganz woanders gespielt. Jedes Jahr war sie ein bisschen lauter zu hören, und fortan wird sie immer weiter und immer noch ein wenig intensiver werden. Wer zu diesem Takt nicht tanzen kann, wird zum Saurier. Und wir wissen ja alle, was mit denen passiert ist.

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