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Visuelle Droge

Die enorme Beschleunigung sexueller Visualisierungen im Netz stellt die Gesundheit einer ganzen Generation aufs Spiel. Was können wir tun?

(Foto: Autorin und Rednerin Maria Ahlin hält ihren TED-Talk „Let’s Talk Porn!“ in Göteborg, Februar 2019)

An meine erste Begegnung mit Pornographie erinnere ich mich genau. Ich war im späten Grundschulalter übers Wochenende bei einem Schulfreund eingeladen. Am Samstagvormittag, als alle anderen aus dem Haus waren, musste er mir unbedingt seine geheime Entdeckung zeigen, kleine Hefte mit großen Bildern, die ich ziemlich verstörend und vor allem eklig fand. Zum Glück konnte ich ihn überzeugen, die Dinger bald wieder wegzutun – die Bilder jedoch blieben.

Ein großer Unterschied zwischen Porno 1980 und 2020 ist die Tatsache, dass er damals noch aus irgendwelchen Verstecken hervorgekramt werden musste. Heute ist Porno nur wenige Klicks entfernt. Eine pornofreie Kindheit scheint gerade unmöglich zu werden. Hier sollten einige Alarmglocken läuten.

Gewiss, es gibt viele, die Pornographie für einen positiven Beitrag zur allgemeinen Sexualentwicklung halten. Das kann man zwar nicht völlig von der Hand weisen, wenn man vor allem bedenkt, dass zu viele Menschen mit ihrer Sexualität kämpften und kämpfen, auch, weil man sich mit diesem Thema meist einsam fühlen musste. Zu lange war es tabu, Sexualität zu verbalisieren. Die gegenwärtige Pornographie zwingt uns gewissermaßen, das anzusprechen, worüber viel zu lange geschwiegen wurde. Sie als Lösung zu betrachten ist aber so sinnvoll wie Feuer mit Benzin zu löschen.

Einige der größten Gefahren des heutigen Pornoangebots sind

  • die ständige Steigerung der Dosis
  • die enorme Gewaltverherrlichung
  • das immer jünger werdende Publikum.

Kurze Zeit nachdem YouTube seinen Siegeszug begann, tauchten auch die ersten Pornostreamingseiten auf. Doch heute lässt sich folgendes feststellen: was aktuell (also 2020) auf den einschlägigen Seiten als „normal“ oder „mainstream“ gilt, weil es am häufigsten gezeigt wird, galt vor zehn Jahren noch als Hardcoreporno. Wie bei einer Droge muss die Dosis ständig erhöht werden. Der Konsument entwickelt sich auf die Dauer zu einer stets unbefriedigten weil unzufriedenen Seele. Dem normalen Menschenverstand erklärt sich von selbst, dass dies keine gesunde Entwicklung sein kann.

Ein riesiges Problem der ganzen Pornoszene ist ihre enorme Gewaltverherrlichung. „So mancher Sexstreifen fühlt sich an, als wäre man Zeuge einer Straftat oder sogar eines Verbrechens“ sagt die Kriminologin Maria Dufva. Dabei handelt es sich vor allem um Frauenverachtung, wo Frauen als scheinbar würdelose Objekte geschlagen, gerissen, gewürgt und missbraucht werden dürfen und die Frauen das scheinbar auch noch lustvoll stöhnend „genießen“.

Das größte Problem aber ist, dass sich dieses Bild von Sexualität als „normal“ unter der heranwachsenden Generation verbreitet. Auf jedem Smartphone ist es zugänglich, eine ganze Generation wird so „aufgeklärt“. Jungs glauben entsprechend, als Täter an Mädels herumzerren und -stochern zu müssen, weil „man es ja so macht“. Mädels glauben, als Opfer die Jungs machen lassen zu müssen, weil „es ja so ist und Spaß machen muss“ – selbst wenn alles weh tut. Doch selbst scheinbar harmlose Softpornographie ist ein Problem für Heranwachsende, wie zum Beispiel der derzeit vor sich gehende Trend auf einschlägigen sozialen Medien, wo junge Menschen ihr Gesicht zeigen, während sie kommen. Es führt zu der Anspruchshaltung, dass man so zu sein hat, man muss es gut finden und mitmachen. Die Bombardierung mit sexuellen Inhalten wird langfristig deutlich destruktiver sein als die Tabuisierung vergangener Generationen es je gewesen ist.

Und jetzt habe ich noch gar nicht über Prostitution, Sexroboter und andere Phänomene gesprochen. Wenn so also Sex 2030 aussieht, dann gute Nacht. Ich weigere mich, das einfach so hinzunehmen und fordere dich auf, dich ebenfalls zu weigern. Was aber können wir tun? Ich hätte vier konkrete Vorschläge.

Erstens, der Dialog muss in und mit der reifen Generation beginnen. Sexuell erfahrene Menschen, denen die Achterbahnen des Sexuallebens bekannt sind, müssen beginnen, Sexualität für sich selbst, mit ihren Partnern und Gleichgesinnten zu verbalisieren. Wir brauchen eine Sprache, ein Vokabular, das Gespräche zum Thema normal werden lässt. Wir brauchen die Reife und Ehrlichkeit derer, die wissen, dass das Leben komplex und selten schwarz-weiß ist. Hier kann ein Rahmen entstehen, wo man sich öffnen kann, sich nicht schämen muss und sicher fühlt. Es ist die Verantwortung der reiferen Generationen, das Tabu zu brechen, als wäre Sex das normalste auf der Welt (was es ja auch ist). Gelingt uns das nicht, stehlen wir uns aus der Verantwortung und überlassen sie der Pornoindustrie.

Zweitens müssen wir den Dialog mit der jungen Generation suchen. Das beginnt mit unseren Kindern und unterscheidet sich je nach Alter und körperlicher Entwicklung, vor allem, wenn das Kind bereits mit Porno in Kontakt gekommen ist. Jungen Erwachsenen müssen wir nicht nur zur Seite stehen sondern auch das Mandat geben, mit Teenagern darüber zu reden.

Drittens sollten wir ganz praktische Werkzeuge wir Pornofilter einsetzen, um die junge Generation vor dem schleichenden Eindringen pornografischer Inhalte zu schützen, Diese gibt es heute für nahezu alle elektronischen Geräte und tun ihren Dienst ganz automatisch und zuverlässig. Diese Hilfmittel sollten wir einsetzen und befürworten.

Viertens sollten wir zusammenarbeiten und den Dialog mit anderen Leitern, (Jugend-) Pastoren oder Organisationen suchen. Die Pornoindustrie ist mächtig, und wir müssen unsere Kräfte sammeln, um mehr bewirken zu können. Die Problematik gehört letztlich in die Öffentlichkeit, und zwar in einer nicht moralisierenden Art. Im Grunde wollen wir nicht nur unsere Kinder, sondern das Geschenk der Sexualität selbst und damit das Überleben des Menschen retten.

Was macht man eigentlich, wenn das Mädchen beim Würgesex aufhört zu atmen?“ fragte jüngst ein Schüler, als es im Unterricht um Pornographie ging. Solche Fragen sollten bald wieder der Vergangenheit angehören.

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