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Trauer und Zukunft

Foto oben: Der Sonnenuntergang ist Voraussetzung für den Sonnenaufgang.

(Grüne Hoffnung IV)

So, wie es war, wird es nie wieder sein. Der Blick aus unseren Fenstern war symbolisch. Stellvertretend für so viele geplatzte Illusionen. Kurz, ein Trauerspiel. Ist es eigentlich immer noch. Alles wird anders werden, doch keiner weiß, wie. Unser Garten als eigenes Mahnmal für unsere Zeit.

Immer wieder ging ich zu der alten Wurzel eines der Bäume, die den Grabungen zum Opfer gefallen waren, und die die Bauarbeiter liegen gelassen hatten. Ich trauerte weniger um den Baum selbst, denn der alte Apfelbaum war schon länger krank gewesen. Alle Maßnahmen hatten nicht mehr geholfen, irgendwann hätte er ohnehin gefällt werden müssen. Im Grunde war es gut, dass er nun mit Stumpf und Stiel entfernt worden war. Ich trauerte um die Erinnerung an alles, was um den Baum herum passiert war, er hatte Schatten gespendet, jeder, der unseren Garten betrat, hatte sich unter seinen Ästen verbeugen müssen, um diesen Wächter passieren passieren zu können. Außerdem war er der Sitz von Eugen Eule, unserer Vogelscheuche.

Seit die Pfützen verschwunden, der Schlamm getrocknet waren, machte ich mindestens eine Runde täglich durch den verschwundenen Garten. Erinnerte mich an das, was war, freute mich an dem, was noch übrig war. Trauer braucht Zeit.

Im Westen haben wir verlernt, zu trauern. Irgendwer redete uns ein, immer gut drauf sein zu müssen. Kommen uns Tränen, ist das unangenehm, wir versuchen, sie zu verstecken. Gelingt das nicht, entschuldigen wir uns, als sei Weinen etwas Peinliches. Wer wirklich trauert, zieht sich allein zurück, und wer einen Trauernden trifft, zieht sich ebenfalls schnell zurück, um nicht an die eigene Trauer und Unsicherheit erinnert zu werden. Trauer wurde zu einem Synonym für Einsamkeit. Doch Trauer fordert Gemeinschaft. In keiner Kultur der Welt trauern die Menschen so alleine wie bei uns im Nordwesten.

In allen Kulturen gibt es Trauerrituale, nur wir haben sie abgeschafft. Wir wurden sprachlos. Unser Wortschatz für die schweren Dinge des Lebens ist verkümmert. Wie arm wir sind. Kein Wunder, dass psychische Probleme wie wild in der Gesellschaft wuchern. Fast alle wurzeln in Einsamkeit und Scham, unverarbeiteter Trauer und Hoffnungslosigkeit. Würden wir lernen, wieder richtig zu trauern, bekämen wir das Problem schneller in den Griff.

Mein Garten wurde nur zu einem winzigen Beispiel, doch einem sehr guten. Ich sah ein, dass Trauer und Liebe zusammengehören. Sie sind zwei Seiten derselben Münze. Denn wer trauert, der hat geliebt. Und umgekehrt: Wer liebt, wird trauern. Denn alles, was wir lieben, kann uns genommen werden. Trauern wir, wenn es uns genommen wurde, so beweisen wir, dass es Liebe war. Deshalb ist es mehr als angebracht, alles zu betrauern, was wir geliebt haben – nicht nur Verstorbene. Die gescheiterte Ehe. Der vergangene Wohnort. Der verlorene Ring. Das fortgezogene Kind. Der geplatzte Traum. Die verwelkte Zukunft. Ein verlorener Garten.

Warum schaffen wir so wenige Gelegenheiten, uns genau darüber auszutauschen?

Wie die Liebe ist auch die Trauer etwas, dass in Beziehung geschieht. Wir müssen darüber reden können, wir müssen zuhören und gehört werden, verstehen und verstanden werden. Trauer ohne andere Menschen ist wie eine Wüste ohne Oase. Es ist schrecklich, dass wir uns nicht mehr trauen, öffentlich zu trauern.

Schwedischer Friedhof auf der Insel Tjörn

Wer trauert, fühlt sich schwer, und muss gestützt oder getragen werden. Das lateinische Wort für „schwer“ ist gravis, davon haben wir Wörter wie Gravitation oder Grab, auf englisch grave. Doch auch das schwedische gravid wächst aus diesem Stamm, und das bedeutet „schwanger“. Die Schwere der Trauer ist nötig, um neues Leben, neue Ideen, neuen Wagemut, neue Liebe hervorzubringen. Wer nicht wirklich trauert, wird auch nicht erleichtert werden.

Es brauchte viele, viele, viele Runden durch unseren zerstörten Garten, um irgendwann einzusehen: Gerade in unserer Zeit, der es an Visionen, Hoffnungen und Utopien mangelt, wo es leicht wäre, sich in den guten alten Garten zurückzusehnen, weil alle sich nur noch in „die gute alte Zeit“ zurücksehnen, knackt gute Trauer den Code zu neuen Lösungen, Konzepten, Vorstellungen und Projekten. Trauer ist der ultimative Schlüssel in eine bessere Zukunft.

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