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Die Leere der Lehre (6): Der Dickkopf

Waren es die letzten Worte?

Verharre in Sturköpfigkeit. Gib nicht auf.

Oft sind es ja die die letzten Worte großer Menschen und kleiner Geister, die magisch in den grauen Zellen haften.

Wie auch in der gewöhnlichen Sonntagspredigt. Man erinnert sich, wenn überhaupt, immer nur an den albernen Witz am Anfang und die allerletzte Zeile, meist „Lasset uns beten„.
Oder „Wir singen jetzt Lied 259„.
Oder „Es ist nicht einfach, aber wir sollten es tun„, wie der Pastor der allerersten freien Gemeinde, in der ich je aktiv war, nicht nur ausnahmslos jede seiner dreizehn Predigten, die ich an Seite meiner knackigen frisch Angetrauten dort verfolgte, sondern auch sämtliche dreizehn Bibelstunden an den Mittwochabenden dazwischen abzuschließen pflegte. Jener Pastor war ergebener Jünger des Bob Jones, einem uns bis dahin unbekannten amerikanischen Guru, und wir waren uns nie so ganz sicher, ob nun Jesus oder Bob wichtiger für Glaube und Gemeinde war, jedenfalls wusste Bob Jones bis ins allerkleinste Alltagsdetail, wie man gottgefällig lebte und – vor allem! – wie nicht, er wusste es so genau, dass neben ihm sogar die O-Pharisäer des Neuen Testaments ungefähr so fromm wie drogendealende, volltätowierte Hells-Angels aussahen. Deswegen haben meine junge, frisch angetraute Braut und ich uns auch gesagt „es ist nicht einfach, aber wir sollten es tun“ und haben die Gemeinde in der vierzehnten Woche wieder verlassen. Ja, letzte Worte lösen manchmal unerwartete Reaktionen aus,  sind mächtig im Vergleich zum Hauptteil der Rede, der 99% der Vorbereitung forderte, dessen Inhalt aber schneller aus der Hirnen der Hörer verdunstet als die Wärme von den Stühlen der vermeintlich hörenden Hintern.

Doch nicht in diesem Fall. Die Aufforderung zur Sturköpfigkeit hat ganz sicher nicht diese unerwartete Reaktion herbeigeführt, letzte Worte hin oder her. Denn Sturköpfigkeit bedarf keiner Aufforderung. Sturköpfigkeit ist angeboren und so natürlich wie Bartwuchs oder Drüsenfunktionen. Jedenfalls bei mir.

Nie musste mir irgendjemand erklären, wie man seinen Willen durchsetzt. Während meiner ersten 14 Lebensjahre war ich natürlich ein blutiger Anfänger, der in seiner Unreife noch begreifen musste, was Grenzen sind und wo sie verlaufen. Wahrscheinlich hörte ich deswegen als Kind immer wieder den kopfschüttelnden Spruch „Marcus reitet mal wieder hart an der Grenze…“, meistens geäußert von der Familie oder auch von Gästen der vielen Parties in meinem Elternhaus (an die ich mich gerne erinnere), nachdem ich den erteilten Verhaltensbefehlen provokativ wenig bis gar keine Folge leistete. Ich war auf einer Mission, konnte mich nie mit dem Gesagten oder irgendwelchen Direktiven zufrieden geben, musste immer wissen, ob diese Regel Sinn ergibt oder nur der geistige Schnellschuss eines Wichtigtuers war, ob Regeln gedehnt werden können und wenn ja wie weit, bevor sie brechen. Und überhaupt: Wenn sie brechen, was passiert dann eigentlich?! Ich ritt als Späher nicht nur hart an der Grenze sondern überschritt sie regelmäßig bewusst.

Nur so konnte ich entdecken, dass mindestens drei Viertel aller Energie zur Durchsetzung eines Planes listig und gerissen, das heißt indirekt, weise, planvoll und mit viel Geduld eingesetzt werden muss. Ein knappes Viertel geht in freundliche, aber zielgerichtete und diplomatische Verhandlungen, und nur ein verschwindend geringer Teil, höchstens ein Prozent, in die direkte, öffentlichkeitswirksame Offensive. Dann aber richtig, mit Schneid und Mumm und ohne jegliche Scheu, denn ohne dieses eine Prozent fehlt das Salz in der Suppe und das Licht an der Decke, man bleibt farb- und geschmacklos, wird als graue Maus vergessen werden.

So musste ich es im Alter von 21 Jahren geschehen lassen, dass ich während meines Wehrdienstes den Spieß, also meinen Vorgesetzten, öffentlich in der Kantine zurechtwies, nachdem er sich erdreistet hatte, mich vor allen Speisenden für eine Lapalie von der Seite anzupflaumen. Die meisten Menschen haben mich immer für einen stillen, ungefährlichen, fast scheuen Vertreter gehalten. Doch dieses eine Prozent, wenn es zu einer kontrollierten Eruption kommt, offenbart das wahre Feuer im Vulkan. In der Kantine wurde es entsprechend mucksmäuschenstill, wie im Film, selbst der Spieß schaute völlig sprachlos und verdattert, alle Augen verfolgten den Vorfall, als mich meine Gabe der Dickköpfigkeit dazu brachte, Recht vor dummbärtigem Befehlsgehorsam walten zu lassen. Und das mitten auf der Harthöhe. Der Vorfall brachte mir den Respekt vieler Kameraden, natürlich nur heimlich in mein Ohr geflüstert, und, als ironisches Sahnehäubchen, eine kleine Sprecherrolle beim Bundeswehrradio ein.

Es muss einfach sein. Auch wenn ich weiß, dass diese eine Prozent einem das Leben kosten kann. Doch wer nicht als Nörgler oder Motzkopf in die Geschichte eingehen will, für den ist ein Prozent die absolute Obergrenze.

Wer einen großen Dickkopf hat, reflektiert Gottes Wesen besser, denn Gott hat den größten Dickkopf von allen, er setzt seine Pläne immer durch. Deshalb ist es weise, sich niemals mit diesem Dickkopf anzulegen, denn schmerzhaft wird es sein, den Kürzeren zu ziehen. Doch wenn sich die richtigen Dickköpfe vereinigen, hängen des Teufels Hörner wie schlaffes Gummi, sollte Satan überhaupt über ein einziges Horn verfügen.

Nein, die letzte Zeile „Verharre in Sturköpfigkeit“ war nichts Außergewöhnliches für mich. Es war eher eine aufbauende Bestätigung. Was also hatte mich außer Gefecht gesetzt?!

Fortsetzung folgt.

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