Zum Inhalt springen

Die Größe des Evangeliums

Etappe 7

(Wer mit der ersten Etappe beginnen will, klickt hier.)

Nachdem wir uns im letzten Beitrag mit dem sichtbaren Rückzug Gottes aus der Schöpfung beschäftigt haben, muss ich heute einen Riesensprung zu den letzten Kapiteln der Bibel machen. Nichts ist logischer, denn Genesis 1-2 und Offenbarung 21-22 sind die beiden Pfeiler, zwischen denen das Seil des Evangeliums gespannt ist. Sie sind beeindruckend groß, und wir müssen uns hinterfragen lassen, warum wir uns schnell mit einer durchhängenden Lightversion des Evangeliums zufrieden geben.

Gospel goes global

In Zeiten der CGI-Filmproduktion kann man sich leicht ausmalen, wie es ausgesehen haben mag, als sich der Himmel in 1. Mose 3,24 dramatisch in Bewegung setzte und dann von der Erde abhob, und mit ihm verschwand sein unvorstellbarer Glanz, ganze Flüsse und Länder mitsamt ihren Bodenschätzen, Frieden, Heil und Geborgenheit. Zurück blieb, was wir alle gut kennen, Disteln und Dornen, Mord und Totschlag, Schweiß und Stress, ein bisschen Liebe und ein viel zu enger Geburtskanal.

Umso beeindruckender ist es, Offenbarung 21 zu lesen. Denn dort geschieht – endlich und nach vielen Jahrtausenden! – genau das Gegenteil: der Himmel senkt sich wieder herab auf die Erde und füllt sie mit lauter wunderbaren Dingen. Besonders interessant ist folgendes: während 1 Mose 3,24 durchaus als die Scheidung zweier Liebespartner verstanden und übersetzt werden kann (vgl. vorherigen Artikel), so kommt der Himmel in Offenbarung 21,2 als Braut daher: Scheidung und Wiederheirat der Geschiedenen!

Wenn wir die fünf Kapitel (Gen 1-3 und Offb 21-22) nebeneinander betrachten erkennen wir leicht eine Gemeinsamkeit: Alle haben eine globale Perspektive und handeln von der ganzen Welt. Das kann leicht mit unzähligen weiteren Kapiteln oder Versen der Bibel untermauert werden. Man denke nur an Römer 8 und den prominenten Vers 22:


„Wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis heute unter ihrem Zustand seufzt“

Paulus

Wir können nicht nur, nein, wir müssen den Rückschluss ziehen, dass das Evangelium eine globale Rolle spielt und weit mehr umfasst als MICH und ICH und MEIN spirituelles Trostpflaster für MEIN eigenes Seelenheil.

Es ist zwar verständlich, dass wir das Evangelium zur Privatbotschaft, also zu einer Art an MICH persönlich adressiertes Einschreiben mit Rückantwort gemacht haben. Das ist ja auch nicht völlig falsch.

Es ist nur längst nicht alles.

Vielleicht ist es sogar nur ein kleiner Teil. Wir leben ja immer mit unseren Begrenzungen, mit dem, was wir eben kennen. Vor Jahrzehnten noch war z.B. „global“ ein noch recht selten benutztes Wort. Den Begriff „Globalisierung“ kannte so gut wie niemand. Die oben genannten fünf Bibelkapitel waren zwar schon immer global, und Gott war es auch schon immer, doch wir lesen die Bibel halt immer durch die Brille unseres Kenntnisstands. Gott macht uns in seiner Gnade nur für das verantwortlich, was wir wissen. Je mehr wir aber lernen, desto größer wird die Verantwortung für unser Handeln. Denn nicht immer schützt Unwissenheit vor Konsequenzen.

Historisches Beispiel: David Livingstone

Nehmen wir ein anschauliches Beispiel aus der Missionsgeschichte. Der berühmte Missionar und Entdecker David Livingstone reiste mit der Überzeugung durch die Welt, dass die Menschen in Afrika Jesus zur Vergebung ihrer Sünden brauchen. Eines Tages kam er nach einer langen und strapaziösen Reise, eine gefühlte Ewigkeit von seiner Heimat entfernt an den Wasserfall Mosi-oy-Tunya. „Der donnernde Rauch“, so hatten die Einheimischen dieses gewaltige Naturspektakel genannt. Livingstone war der Meinung, es sein angemessen, diesen von „ihm entdeckten“ außerordentlichen Wasserfall nach der neuen Königin des werdenden Rhodesiens zu benennen, Queen Victoria von England. Mosi-oy-Tunya wurde darauf in der Welt als Victoriafälle bekannt – oben auf dem Beitragsbild zu bestaunen.

Ich bin kein Livingstoneexperte aber gehe mal davon aus, dass er 1851 seine Entscheidungen guten Gewissens und nach Stand des allgemeinen, damaligen Wissens traf: Die Welt ist riesengroß und will entdeckt werden. Afrika ist weit, weit weg. Wir Europäer haben eine „zivilisierte“ und damit überlegene Kultur und müssen den Afrikanern helfen. Dazu gehört auch, ihnen das Evangelium zu predigen.

121 Jahre später veröffentlichte die NASA ein Foto, auf dem erstmals die ganze Welt abgebildet war:

1972 entstand die erste Aufnahme unserer Erde auf der Apollo 17 Mission. Man geht heute davon aus, dass dieses Bild bahnbrechend war, weil der Menschheit erst mit der „blauen Perle“ vor Augen die Zerbrechlichkeit und Sensibilität des Planeten bewusst wurde und daraus alle Umweltbewegungen erwuchsen.

Was Livingstone & Co nicht wussten: Die Welt ist gar nicht so riesengroß. Bald würde man innerhalb weniger Stunden von Europa nach Afrika reisen können. Die Welt ist außerdem ein äußerst komplexes und verflochtenes Ökosystem, das Wetter in Livingstones Heimat Schottland hing damals schon von jenen exotischen Bäumen Afrikas ab. Und die sogenannten „zivilisierten“ Kulturen hatten gerade damit begonnen, jenem Planeten einen qualvollen Garaus zu bereiten. Für Livingstone wäre es unausdenkbar gewesen, dass gerade wegen der „Überlegenheit“ der europäisch geprägten Kulturen der „Rauch“ der imposanten Victoriafälle eines Tages ausgedonnert haben wird:

Mosi-oa-Tunya (von den Kolonialmächten „Victoriafälle“ gennant) heute: ein lokales Trauerspiel und globales Mahnmal

Wir sind alle Lernende, sowohl der Einzelne als auch die Menschheit sowie die weltweite Gemeinde. Deshalb bleibt uns keine andere Wahl, als Konsequenzen aus dem Gelernten zu ziehen.

Für uns als Gemeinde heißt das:

Seit der Reformation vor über 500 Jahren wurde das Evangelium immer mehr individualisiert, und mittlerweile treiben wir es auf die Spitze. Wir müssen endlich einsehen, dass unser Fokus auf den Einzelnen zu einer völlig vergeistlichten Eschatologie des Individuums führt, dem die Weltgeschichte egal ist, weil es hauptsächlich darum geht, die Seele in den Himmel zu bringen. Die fünf erwähnten Bibelkapitel können uns helfen, von der theologischen Begrenzung auf den rein privaten Glauben auszuzoomen und wieder Gottes kosmische Absichten zu proklamieren und auszuleben.

Das bedeutet nicht, dass der Einzelne keine Rolle mehr spielt, es bedeutet aber, dass Gemeinde wieder Ekklesia* im ursprünglichen Sinne werden muss: Kein exklusiver Club individueller Herausgerufener*, sondern ein öffentliches Komitee, das Entscheidungen zum Wohle des Ganzen trifft.* Die Berufung der Gemeinde ist es vor allem, Himmlische Politik auf einer vom Himmel verlassenen Welt zu betreiben, in der Welt, doch nicht von der Welt, denn genau dazu befähigt uns das Kreuz, das leere Grab und der Heilige Geist. Es geht nicht darum, noch einen dazu zu bekehren, „das Gebet“ zu beten, es geht darum, die Macht Jesu zu proklamieren und damit die Macht des Kaisers in Frage zu stellen. Der Kaiser heißt heute Finanzfundamentalsimus. Im Gegensatz zum römischen Imperator ist er kein militärischer Tyrann mehr, sondern deutlich schlauer geworden. Toleranzlos versklavt er heutzutage zahllose intelligente und hochgebildete Menschen auf der ganzen Welt, sich ruchlos die Gold- und Dollarwesten unter die Nadelstreifen zu schnallen, um sich damit selbst und mit ihnen den ganzen Planeten in die Luft zu sprengen.

Die Fridays for Future-Bewegung fordert den Finanzfundamentalismus gewaltig heraus und ist damit sehr nötig, doch wie lange wird sie das Zeug haben, jenem Kaiser die Stirn zu bieten? Solche Bewegungen müssten von Christen ausgehen, deren Geschichte als Opposition zu einem übermächtigen Reich begann! Doch das erfordert Mut, von einer Vision genährt, die an ein großartiges Evangelium glaubt. Stattdessen nuckeln zu viele Christen lieber weiter an der harmlosen Brust einer Privatreligion herum.

Zum Schluss noch ein Zitat eines Mannes, der das auch verstanden hat, Lesslie Newbigin. Ebenfalls ein Missionar aus Großbritannien. Als er nach über 40 Jahren Missionsdienst in Indien in seine Heimat zurückkehrte, bemerkte er die starke Säkularisierung seines Heimatlandes – inklusive der Christen. Dazu hat er viele Bücher geschrieben. Der folgende Abschnitt ist einem Buch entnommen, das Newbigins missiologische Werke beschreibt und zusammenfasst. Mit unserer heutigen Art, Evangelium zu leben, geht Newibigin hart ins Gericht:


„Das Römische Reich hat jede Form der privaten Religion gestattet und geschützt, weil dadurch keine öffentlichen Abläufe in Frage gestellt wurden. Warum, fragt Newbigin, hat die frühe Gemeinde diesen Schutz abgelehnt? Warum hat sie sich auf einen tödlichen Kampf mit den kaiserlichen Gewalten eingelassen?

Und er antwortet: Weil sie ihren alttestamentlichen Wurzeln treu bleiben wollte und die Verbannung ihres Glaubens in die rein persönliche und innerliche Privatsphäre nicht akzeptieren konnte. Sie verstand sich selbst als Träger des Versprechens Gottes, eines Tages über alle Nationen zu regieren.

Da die frühe Gemeinde das Evangelium als Gottes Herrschaft über sämtliche Nationen und alles Leben verstand, lehnte sie es ab, eine Privatreligion zu sein. Stattdessen wählte sie, ihrer Bestimmung als ekklesia tou theou**, als öffentlicher Versammlung, nachzukommen.

Mit anderen Worten: Die frühe Gemeinde sah sich nicht als privatreligiöse Gesellschaft mit persönlicher Rettung für ihre Mitglieder im Angebot, sie sah sich als eine öffentliche Bewegung, die den cultus publicus des Römischen Reiches offen in Frage stellte, der von allen Römern totale Gefolgschaft beanspruchte. Dieses Infragestellen glich einer Aufforderung zum Duell und machte die Kollision mit den imperialen Mächten unausweichlich.

Newbigin glaubt, die westliche Gemeinde ist genau das geworden, was die frühe Gemeinde sich stets geweigert hat zu sein.

Aus Michael Goheen: The Church and its Vocation. Lesslie Newbigin’s Missionary Ecclesiology. 189. Eigene Übersetzung. Fette Hervorhebungen von mir.

Lesslie Newibin ist übrigens schon im Januar 1998 mit fast 90 Jahren gestorben. Vielleicht hätten auch wir schon etwas früher darauf kommen können – lange bevor Mosi-oa-Tunya sich in staubiges Schweigen hüllte.



* ekklesia leitet sich von den griechischen Wörtern ek (aus, heraus) und kaleo (rufen) ab, und bedeutet sinngemäß „die Herausgerufenen“. Es war die Bezeichnung des Stadtrats, der öffentlich tagte und Entscheidungen zum Wohle der Gesellschaft traf. Bei dringenden Fällen, die schnelles Handeln erforderten, ging ein Herold durch die Straßen und rief die Mitglieder aus ihren privaten Häusern heraus, daher der Name.

** hier etwa „Stadtrat Gottes“

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.