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Schöne Aussichten

Wow! Der DJ drehte auf, die reservierten Tische hielten gekühlte Getränke in Eiseimern bereit. Die Maisonne brannte, der Ausblick war ein Genuss und die Stimmung hoch oben in der Dachbar schien gut. Das hier sollte also ein Treffen für Gemeindegründer in der Region sein? Nochmal: Wow! Es wäre das erste Mal gewesen, in Schweden ein wirklich cooles Treffen dieser Art zu erleben. Allein: Mia und ich erkannten kein einziges Gesicht. Mich wunderte das nicht, denn mit dem Gemeindebund hatte ich bisher kaum zu tun und kannte eh fast keinen. Doch Mia fragte sich, ob wir uns wohl in der Adresse geirrt hatten. Nein, alles war korrekt, Uhrzeit, Adresse, Etage. Leider zeigte sich, dass die Einladung für „Samstag, den 15. Mai 22“ galt. Doch diesen Tag gab es nie. Es gab nur Sonntag, den 15. Es war Samstag, und wir waren unserer Zeit voraus.

Aber auch 24 Stunden später schien die Sonne, die Dachbar war immer noch eine coole Stelle mit schöner Aussicht. Doch heute sie war leer und leise. Kein DJ. Wenig Leben. Nur eine Gruppe etwas verloren wirkender Pastoren, einige mit Pastorenkragen am Hemd. Der kleinen Schar war es kaum möglich, die Bar auch nur zu einem Viertel zu füllen. Für jeden gab es ein bereits ausgeschenktes Getränk: Entweder alkoholfreien Sekt oder alkoholfreien Wein. Streng alkoholfrei also, worauf vom leitenden Pastor auch lieber zu oft als zu wenig hingewiesen wurde. (Mir schmeckt normale Cola oder simples Leitungswasser persönlich zwar viel besser als entalkoholisierte alkoholische Getränke, aber nun ja. Vielleicht wollte man dem Platz angemessen einfach auch ein bisschen cool sein.)

Göteborg

Mit diesem Blick über die Stadt und ihren blau leuchtenden Fluss sollte nun ein Brite zu uns predigen, der offenbar gerne von den Dächern der Welt verkündigt, insbesondere zu Pastoren und Gemeindegründern. Sein Ausgangspunkt ist immer Petrus‘ Erlebnis auf dem Dach des Gerbers Simon, wie er von dort zu den Heiden gesandt wird. Des Briten Anliegen ist es, Christen heute wie damals vom Dach zu „den Heiden“ zu senden. Seine Ansprache war durchaus gut, daran gab es nichts auszusetzen. Er sprach davon, dass wir neu denken müssen, wenn es um „church“ geht, neue Ansätze, Formen, Plätze. Er stellte Fragen und lud zu Kommentaren ein, verwendete Metapher und Veranschaulichungen, die mir bekannt vorkamen. Oft hörte ich mich selbst in seinen Worten, denn er gebrauchte sehr ähnliche Bilder und Vergleiche wie wir vor unserer Ausreise nach Schweden. Genau so hatte ich auch geredet und gepredigt, dass nämlich völlig veränderte Gesellschaften auch völlig veränderte Formen der Verkündigung erfordern. Dass wir planten, genau damit zu experimentieren. Das war prä-H2O, vor 17 Jahren.

Mia sah mich immer wieder an und forderte mich mit Blicken auf, doch auch mal was zu sagen, doch erstens kam mir immer irgendjemand zuvor und zweitens war ich einfach sprachlos. Ich fand es natürlich toll, dass dieses Dachterassentreffen für viele etwas unvorstellbar Neues war. Ein Kirchentreffen in der Bar! „Mind-blowing!“ Und der Inhalt: Für viele geradezu revolutionär. Gleichzeitig hing mein Kinnladen etwas offen unter dem Gewicht der Frage, ob Gemeinde in siebzehn Jahren wirklich noch keinen Zentimeter weiter gekommen sind. Diese Frage fühlte sich für mich ungefähr so an, wie eine Klospülung im Zug klingt.

Nach 17 Jahren wirklich harter Arbeit, sowohl ganz praktisch als auch in der theologischen Ausbildung hatte ich geglaubt, dass sich irgendwie ja schon irgendwas verändert und entwickelt haben muss. Doch plötzlich wurde dieser Glaube einfach so abgesaugt, ruck-zuck-futsch, wie Fäkalien, als wäre alles für die Katz gewesen. Zurück bleibt Leere, wie ein Vakuum. Wie lange predige ich jetzt schon Veränderung? Befinden wir uns – also jetzt mal ehrlich! – ekklesiologisch also immer noch im Jahre 2005? Das war prä-Smartphone, Tablets, Streaming und sozialen Medien. Oder etwa noch früher?! 1980? Doch wenn sich Gemeinde seit mindestens siebzehn Jahren kaum verändert hat, was werden wir dann als Vorbilder überhaupt beisteuern können, wenn wir heute z.B. wissen, dass sich die ganze westliche Gesellschaft rechnerisch in nur 4 Jahren (!) zu einer komplett klimaneutralen verändern muss?

Wenn wir als Christen „Umkehr“ nicht mehr täglich glaubhaft vorleben, um jene „Hölle“ abzuwenden, also die Klimahölle, die immerhin wissenschaftlich und mathematisch beweisbar ist, wie wollen wir dann zu einer Umkehr motivieren können, die uns zwar auch vor einer Hölle rettet, aber einer nicht beweisbaren, an die man eigentlich nur glauben kann? Und so geht dann halt auch unsere Glaubwürdigkeit durch die dahinrasende ICE-Toilette. Welches Gottesbild kommuniziert unsere extreme Trägheit eigentlich? Einen Demenzkranken als Erlöser? Einen Gelähmten als Heiler? Kümmert Gott sich wirklich so viel mehr um unsere feinen Gottesdienste und Liturgien als um unsere 150 Millionen Todesopfer, die wir zu krepieren verursachen, wenn wir das 1,5°C-Ziel nicht einhalten und locker-flockig frohlockend auf 2°C zusteuern? Meines Erachtens spricht die Bibel da eine ganz, ganz andere Sprache. Wenn es uns als Gemeinde nicht bald gelingt, den Menschen zur echten und wahren, dauerhaften Umkehr zu bewegen, aus Liebe zum Schöpfer und zum Geschöpf – möglich gemacht durch den, der Schöpfer und Schöpfung in sich vereinigt -, wenn es uns wirklich nicht gelingt, den gut gefüllten, christlichen Werkzeugkasten zur verantwortlichen Lebensführung anzuwenden, kurz, wenn wir also noch weitere 17 Jahre brauchen, um keinen einzigen Zentimeter weiter zu kommen, dann erwarten uns alle in der Tat schöne Aussichten.

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