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Verräterische Freunde: Status Quo

Nein, nicht die Band. Sondern unser gegenwärtiger Entwicklungsstand, unser Lebensgefühl, Ergehen, Zustand. Ein gemein-durchtriebender Bursche, dieser Status quo.

Er erzählt uns die Mär vom ewigen Wachstum, von neuen Möglichkeiten, wertvollen Vergrößerungen des Umsatzes oder der Brüste, der Aufwertung unseres An- und Aussehens, wenn erst mal mein Haus, mein Po, mein Auto stimmt. Seine Schmeicheleien sind honisgsüß und verführerisch, er verspricht uns das Paradies auf Erden: Alle möglichen Reichtümer zeigt er uns, sie lägen uns zu Füßen, sagt er uns, wenn wir nur tun, was er sagt: Aufwärts, auf, auf, immer höher, weiter, schneller, mehr.

Weil wir alle wissen, wie angenehm es ist, verehrt zu werden, Macht, Geld, Land und Immobilien zu besitzen, hat SQ ein ziemlich leichtes Spiel mit uns. Nur zu gerne lassen wir uns eine Stufe weiter nach oben treiben. Und vielleicht noch eine. Und so weiter.

Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen.

Matthäus 5,5

Im Rausch des Aufwindes merkt keiner mehr, wem wir da gerade gewaltig auf den Leim gehen. Selbst Christen vergessen prominente Bibelstellen wie die Seligpreisungen: Nicht Konzerne und Gesellschaften, nicht Herrscher und Großgrundbesitzer, nein, die Demütigen werden das Land besitzen. Ich wiederhole: Das Land. Besitzen! Wenn selbst die Bergpredigt blass und bleich in der Erinnerung verkümmert, wundert es kaum, dass weniger berühmte Bibelverse schon völlig in Vergessenheit geraten sind. Zum Beispiel der hier:

Er erniedrigte sich selbst bis zum Tod.

Philipper 2,8

Die Rede ist natürlich von Jesus, dem Vorbild aller Christen. Er setzte nämlich einen völlig anderen Trend: Nach unten. Das ist das Gegenteil von nach oben. Vielleicht bin ich das ja nur, aber ich sehe hier eine gewisse Unvereinbarkeit mit SQ’s zeitgemäßer Botschaft.

SQ weiß das natürlich auch und verschweigt uns deshalb vorsichtshalber, was sein „Name“ eigentlich bedeutet: Status quo geht nämlich zurück auf den lateinischen Ausdruck in statu quo res erant ante bellum, oder einfach in statu quo ante. Es bedeutet „der vorige Zustand“, das heißt eigentlich ein ganzes Land in den Zustand zurückzuversetzen, den es vor einem Krieg und der Zerstörung hatte: Wiederaufbau und Reparatur. Zurück zu den Wurzeln, zurück zur alten Pracht, nur geläutert, smarter, besser.

Eigentlich wäre heute nichts angesagter als die ursprüngliche Bedeutung des Status quo. Denn alle, die ein bisschen Weitblick haben, sind sich einig, dass die Treibhausemissionen auf jenen Zustand zurückgefahren werden müssen, den sie vor der Industrialisierung hatten. Und das wäre null. In diesem Sinne könnte der Status quo wieder unser echter Freund werden.

Der Klimanotstand ist unser Dritter Weltkrieg.

Joseph Stiglitz

Es wäre doch schlau, wenn wir von vergangenen Kriegen immer noch lernen könnten und jenen dritten Weltkrieg, wie Nobelpreisträger Joseph Stiglitz es ausdrückt, gar nicht erst so viel Schaden anrichten ließen wie potentiell zu erwarten ist. Wirklich intelligent wäre back to the roots, Wiederaufbau, wiederherstellen, was die Industrialisierung bis heute schon kaputt gekriegt hat – so gut es eben noch geht; so manche kürzlich ausgestorbene Spezies wird sich selbst dann nicht wiederherzüchten lassen. Dazu wäre freilich radikales Umdenken nötig. Rückschritt wahrscheinlich. Doch heute rastet SQ, mittlerweile besessen von mindestens einer Legion Dämonen, allein bei dem Gedanken an Rückschritt und Verzicht schäumend aus.

Schade eigentlich (oder sollte ich schreiben schlimm eigentlich?) dass ausgerechnet so viele Christen sich vom Wirtschaftsfundamentalismus anstecken ließen und lieber SQ als den Messias anbeten. Klar, wir machen alle Fehler, doch wenn die Fehler für alle offenbar werden ist Buße angesagt. Metanoia, wie es im Neuen Testament heißt, Umkehr, Veränderung, Kursänderung. Oder einfach Bekehrung. Bekehrung ist kein einmaliges Phämonen, das sämtliche Probleme löst. Die erste Bekehrung ist nur der Anfang einer täglichen Umkehr für den Rest des Lebens.

Nie war es einfacher als heute, den schlichten, einfachen und doch so beeindruckenden Jesus-way-of-life als nachfolgenswerte, coole, hippe, hoffnungsvolle, zeitgemäße und vor allem lebenswerte Option vorzuleben.

Wer sich jetzt immer noch schwer tut, SQ mit einem beherzten Tritt für immer aus der Wohnung zu kicken, oder wem die Bibel zu hoch oder unverständlich vorkommt, dem mag Heinrich Böll vielleicht eine kleine Inspiration sein:

Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

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