Zum Inhalt springen

Verräterische Freunde: Platon

Der Schüler des Sokrates und Lehrer des Aristoteles ist einer der größten griechischen Philosophen. Dass man ihn auch in Kirchen predigen lässt, ist Ursache vieler Probleme und könnte bald tödlich enden.

Meine ersten Annäherungen an das weibliche Geschlecht geschahen in der späteren Teenagerphase, ungefähr zur selben Zeit, in der ich auch Christ wurde. Während wir auf Schulfesten fleißig „Brüderschaft tranken“ und so viele Küsschen wie möglich schmatzten, hörte ich in christlichen Jugendgruppen viel von „platonischer“ Liebe. Ich kam aus einer einfachen Familie und hatte nicht viel übrig für Fremdwörter, doch ich verstand, dass die einen gerne Körperkontakt suchten und sonst nicht viel dahinter war, während die anderen die Liebe ziemlich ernst nahmen doch sonst züchtig auf Distanz blieben. Nix Schmatz. „Platonisch“ nannte man das also.

Vielleicht wäre es vorteilhafter gewesen, von Agape, Philia und Eros zu sprechen, den drei griechischen Liebesbegriffen des Neuen Testaments: Göttliche Liebe, geschwisterliche Liebe, körperliche Liebe. Man hätte deren mystisches Zusammenspiel und Gleichwertigkeit erklären können. Ja, das wäre toll gewesen! Stattdessen lernte ich über die platonische Liebe. Heute weiß ich, warum meine damaligen Jugendleiter auf „Sex-Abenden“ – also Themenabende zur Sexualität (das könnte man heute auch nicht mehr so nennen) – sich so qualvoll schwer damit taten, die körperlose, „platonische“ Liebe einerseits und körperliche Liebe andererseits als gleich positiv darzustellen: Es ging einfach nicht; der sinnliche Liebesgenuss war immer von jener anstößigen Aura umgeben, so sehr man sich auch anstrengte. Wie sollte es auch? Schließlich sind Körper und Geist zwei Puzzlesteine, die in westlicher Theologie nicht recht zusammenpassen wollen. Es war allerdings nicht Gott, der Erfinder des Menschen, der diese Trennung definierte. Es war Platon. Solange er Macht über unser Denken hat, werden sie nie zusammenpassen, wie man sie auch dreht und wendet.

Weniger Platon und mehr Altes Testament hätte meiner Jugendgruppe samt mir selbst recht guttun können.

Doch wahrscheinlich hatte sich die Kirche im Mittelalter mit ihrer dort entwickelten „Scholastik“ ein kleines bisschen zu sehr von der griechischen Philosophie inspirieren lassen, und ein kleines bisschen zu wenig von ihren Hauptquellen der Weisheit – Heilige Schrift und Heiliger Geist. Meine Jugendgruppe samt ihren Leitern wusste so gut wie gar nichts von Platon selbst und seinem Einfluss. Der schlaue Philosoph hatte sich ja ganz raffiniert zwischen den Zeilen getarnt.

Vieles wird so erklärbar. Es war nämlich Platon, der streng zwischen seiner „Sinneswelt“ – also dem Körperlichen und Physischem, und seiner „Ideenwelt“ – also dem Körperlosen und Geistigem unterschied. Es war auch Platon, der die Ideenwelt als hochwertig, die Sinneswelt als minderwertig betrachtete. Genau dieses Konzept hat die Kirche verchristlicht in ihre ganze Theologie integriert. Schade eigentlich. Schmeckt nämlich, als hätte man ein paar Esslöffel Benzin in den Kuchenteig gegeben.

Plötzlich wird alles Geistige betont und emporgehoben. Alles irdische aber wird als profan und trivial abgewertet. Plötzlich wird das Zölibat zur heiligsten Lebensform erklärt und so schöne Dinge wie Orgasmus zum Tabu. Plötzlich wird der Tod zur „Erlösung vom Leiden in dieser Welt“, die Auferstehung aber schrumpft zum Kindertrostpflästerchen. Plötzlich wird der Himmel zu einem diffusen Nebel auf schwebenden Wolken und die Entrückung zur langersehten Flucht von der schlechten Welt in jenen merkwürdigen Himmel. Plötzlich hat unsere Theologie ein ganzes Arsenal an Synonymen und Beschreibungen für Platons Sinnes- und Ideenwelten.

Doch das ist nicht alles. Es geht erst richtig los. Selbst das Evangelium, unser Kern sozusagen, wird zur immateriellen Angelegenheit, in der substanzlose Seelen auf einen ungreifbaren Himmel vorbereitet werden sollen. Das entspricht überhaupt nicht der hebräischen Vorstellung eines ausgesprochen diesseitigen Glaubens, einer sehr erdverbundenen Hoffnung, und es entspricht ganz und gar nicht einem Schöpfer, der sich selbst zum Geschöpf macht und damit auf gewaltige Art zum Ausdruck bringt, wie extrem wichtig ihm die Rettung der von ihm geschaffenen, dreidimensionalen, materiellen Welt ist. Hingegen entspricht es perfekt unserem philosophischen Denker Platon und seinen Sinnes- und Ideenwelten.

Die Konsequenz der platonischen Theologie kann nur sein, dass es für Christen falsch sein muss, sich für die Schöpfung einzusetzen, weil diese Welt schließlich vergehen muss und wir alle auf ein surreales, aber wundersames Jenseits warten. Umweltschutz wird minderwertig, wenn nicht sogar Zeitverschwendung, weil wir uns stattdessen für das höherwertige Evangelium einsetzen sollten. Das führt teilweise dazu, dass sogar viele Christen, die sich selbst als „die Guten“ sehen wollen, die fortschreitende Ausbeutung der Ressourcen unseres Planeten befürworten, und damit ungeahnt tödliche Mächte herbeirufen. Die Trennung zwischen einem frommen „Wir kümmern uns ums Evangelium!“ und einem weltlichen „Wir kümmern uns um die Schöpfung!“ ist ein reines Phänomen der griechischen Philosophie. Diese Trennung ist nicht ansatzweise in der Bibel zu finden.

Die Trennung zwischen Evangelium und Schöpfung basiert auf griechischer Philosophie und ist noch nicht einmal ansatzweise in der Bibel zu finden.

Ich schlage also wieder einmal vor, dass wir Christen uns zu 1000% mehr auf die Auferstehung des Messias als Herz all unserer Theologie konzentrieren sollten – ein auffällig körperliches Ereignis, die „Erstgeburt“ der Neuen Schöpfung.

Ich schlage vor, dass der Mensch endlich seine ursprüngliche Rolle einnimmt, für die er eigentlich geschaffen wurde: Als Ebenbild Gottes. Als solches sollten wir unseren Schöpfer widerspiegeln und jeder, der unser Handeln mit und an der Schöpfung beobachtet, muss schlussfolgern können: „Und siehe, es ist sehr gut.“

Ich schlage vor, die Rettung der Seele und des Körpers und der Schöpfung* mit ihrem ganz eigenen Gottesdienst** als das eine, große, gemeinsame Evangelium zu sehen, das von uns in Wort und Handlung gepredigt und gelebt werden muss. Denn die ganze Schöpfung sehnt sich mit uns nach Erlösung, sie wird ebenso mit uns erlöst werden, wie sie auch (unschuldig) mit uns gefallen ist. Die Schöpfung steht und fällt also mit dem Verhalten des Menschen, Ebenbild des Einen Schöpfers. Wir müssen sowohl die Verantwortung für unsere Fehler als auch den uns erteilten Auftrag der Schöpfungsfürsorge übernehmen.

Ich schlage vor, dass Seelsorge und Schöpfungssorge in Kirchen und Gemeinden gleich selbstverständlich werden und keine platonische Trennung in höher- oder minderwertiger gezogen wird.

Ich schlage vor, dass wir heute – wie Israel vor über 2000 Jahren – das Kommen des Messias herbeisehnen. Seine Wiederkunft wird ebenso stofflich sein wie seine Geburt zu Weihnachten.

Ich schlage vor, mit einem entschiedenen Messias zu rechnen, der wie versprochen in diese Welt zurückkommt, kein Wendehals, der irgendwo auf halbem Wege wieder umdreht, um uns in ein entrücktes Jenseits oder einen vergeistlichten Planet B zu entführen.

Ich schlage vor, in der Zwischenzeit immer lauter zu beten „Ja, komm, Herr Jesus!“ – weil sich erst dann das ganze Evangelium in seiner enormen Größe und gewaltigen Pracht offenbaren wird.

Abschließend schlage ich vor, dass wir uns höflich bei Platon bedanken und ihn dann mit einem freundlichen Tritt in den Allerwertesten aus unseren Gemeinden entfernen.


* vergleiche z.B. mit Römer 8, 19-22

** vergleiche z.B. mit Psalm 19, 1-5

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.